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Leonie von Arnim (45) wusste lange nicht, wer sie eigentlich ist. Als Teenager hing sie als Punk in U-Bahnstationen ab. Später wechselte sie zu Siegelring und Perlenkette und tanzte mit dem deutschen Adel. Ihr Kreativität lebte sie als Bühnenbildnerin an verschiedenen Theatern aus, bevor sie später Burger und Kosmetik in Szene setzte. Nach einer Sinnkrise ist sie heute endlich bei sich angekommen und arbeitet als integrative Gestalttherapeutin und Heilpraktikern für Psychotherapie in Berlin. 

Leonie von Arnim ist eine große Frau. Dennoch blickt sie nicht herab. Ganz im Gegenteil: Leonie blickt in Menschen hinein. Sie tut es ganz unbewusst, doch ihr offenes Lächeln und ihre hellen freundlichen Augen lassen einen nicht so einfach los. Alles an ihr lädt ein, will kennenlernen, will verstehen und nimmt an. So versteht sie sich auch: „Ich glaube, dass sich jeder Mensch im Grunde öffnen möchte. Ich biete das gern an, aber verurteile auch niemanden, der es nicht tut.“

Die geborene Hamburgerin hat ihr Interesse an den Menschen mittlerweile zu ihrem Beruf gemacht. Als Gestalttherapeutin bietet sie Unterstützung an, um zu sich selbst zu finden und so zu leben, wie es sich richtig anfühlt. Diesen Prozess hat sie selbst sehr intensiv durchlebt, denn viele Jahre wusste sie nicht so genau, wer sie ist und wo sie hingehört. Leonies Eltern stammen beide aus Familien mit langer Tradition – ihr Vater aus der preußischen Adelsfamilie der „von Arnims“ und ihre Mutter aus einer hanseatischen Bankiersfamilie. Es fällt schwer, sich Mustern und Werten zu entziehen, wenn diese seit Jahrhunderten unbewusst weitergegeben werden. „Im Vordergrund stand bei uns immer, die Familie möglichst gut nach außen darzustellen. Dabei ging es um Macht, keine Gefühle zu zeigen, stark zu sein und zu leisten.“

Leben in New York

Was man tun durfte und was nicht, war klar begrenzt. „Als meine Mutter Journalismus studieren wollte, musste sie meinem Vater versprechen, sich weiter zu pflegen – also die Nägel zu lackieren – und nicht zu verwahrlosen.“ Dieser Einblick in das Weltbild von Leonies Vater lässt erahnen, wie eng die Grenzen der Freiheit gezogen waren und wie schwer es war, sie zu durchbrechen. Als Leonie ein Jahr alt ist, wird der Vater beruflich nach New York versetzt und die Familie zieht mit ihm nach Amerika. Mit der räumlichen Distanz zu Deutschland – und somit zur Familie – gibt es mehr Spielraum für ein etwas anderes Lebensmodell. Die Mutter arbeitet dort als Korrespondentin für das deutsche Magazin ART.

Leonie hat Glück, denn sie besucht in New York erst einen Montessori Kindergarten und später eine reformpädagogische Schule. Dort kann sie ihre Kreativität voll entfalten, spielt Theater und lernt mit den Händen zu gestalten. Zudem wächst sie eng verbunden mit der Natur auf, da sie viel Zeit im Haus ihrer Eltern auf dem Land verbringt. Insgesamt lebt Leonie zehn Jahre in New York. Ihre Mutter lässt sich scheiden, als sie sich neu verliebt und kehrt schließlich mit der inzwischen elfjährigen Leonie und ihrem neuen Mann nach Deutschland zurück.

Kulturschock in Bayern

Der Kulturschock ist groß, als ihre Mutter sie in ein typisch bayerisches Gymnasium in München einschult. Leonie kann zu diesem Zeitpunkt zwar Deutsch sprechen, nicht jedoch richtig schreiben oder lesen und kennt vor allem niemanden. „Ich war sehr einsam, habe mich total unwohl gefühlt und meine Freunde vermisst. Ich war völlig orientierungslos.“ Auf der Suche nach Freunden probiert Leonie einiges aus. Sie rasiert sich mit vierzehn einen Teil ihrer Haare ab, stellt sie hoch und wird zum Wave-Fan. Sie hängt mit Punks in der U-Bahn ab und hat zwar endlich eine Art Freundeskreis, aber einen, der mit Drogen und Alkohol experimentiert.

Kaum vorstellbar, wenn man Leonie heute trifft. Ihre langen welligen, weißmelierten Haare hat zu einem kleinen Dutt gesteckt, aus dem sich jedoch viele Löckchen einfach wieder herauskringeln. Ihre Kleidung ist leger, denn weder Hose noch Bluse dürfen sie einengen, wenn sie bei ihren Gestalttherapiesitzungen auf einem kleinen Kissen oder im Schneidersitz auf dem Boden sitzt. Doch bis sie zu der wurde, die sie heute ist, war es ein langer Weg.

Bühnenbildstudium 

Leonie lässt sich wenig Zeit, um herauszufinden, was sie beruflich machen möchte. Sie glaubt schon mit 16, sie müsse sofort ihren Weg kennen, um ihn dann zielstrebig verfolgen zu können. Da wäre der Weg in die freie Kunst, denn sie malt schon seit Jahren regelmäßig im Atelier einer Künstlerfreundin ihrer Mutter. Ihre Eltern lieben ihre Bilder und unterstützen sie in ihrer Kreativität, doch vor allem ihr Vater wünscht sich nicht, dass sie tatsächlich Künstlerin wird. Leonie empfindet einen sehr starken inneren Druck, etwas zu finden, dass auch ihren Eltern gerecht wird. Es sollte ein Kompromiss sein zwischen freier Kunst und einer Tätigkeit, mit der sie Geld verdienen kann. Als ihr Cousin Philipp stirbt, fällt Leonie spontan die Entscheidung: „Ich studiere Bühnenbild.“ So wie ihr Cousin. „Ich wusste plötzlich, es ist genau das Richtige für mich.“

Doch nie zuvor hatte sie sich richtig damit auseinandergesetzt. Um sich einen Eindruck zu verschaffen, geht sie nach Berlin und macht  nach dem Abitur ein Bühnenbildpraktikum am Residenztheater. Es ist eine harte Zeit mit Höhen und Tiefen, aber durch das Praktikum reift in ihr die Entschlossenheit, das Studium wirklich anzugehen. „Ich habe mir gesagt, ich mach das jetzt. Eine Mischung aus Bauchgefühl und Unflexibilität“, sagt Leonie lachend. Während des Praktikums hat sie bereits eine Bewerbungsmappe vorbereitet und stellt sich damit 1993 bei der Kunsthochschule Berlin Weißensee vor. Es ist ihre erste und einzige Bewerbung. Nach einer dreitägigen praktischen Prüfung, bei der sie ein Bühnenbild baut und dabei wahnsinnigen Spaß hat, wird sie angenommen und zieht ganz nach Berlin.

In dem dann folgenden fünfjährigen Studium lernt sie Zeichnen, Dramaturgie, handwerkliches Gestalten sowie Aspekte der Kunstgeschichte. Leonie liebt das Studium und ist glücklich über ihre Entscheidung. Sie lernt, wie man Stücke interpretiert und sie räumlich übersetzt, wie man über Farben,  Größenverhältnisse, Symbolik oder Gegenstände eine eigene Geschichte erzählen kann. „Es geht nicht darum, etwas nur zu bebildern, sondern eine eigene Dramaturgie zu schaffen.“

Dieses Gefühl für Raum, Dramaturgie und das Hineinversetzen in Figuren bzw. Menschen begleitet sie bis heute intensiv in ihrer Therapiearbeit. Im Gespräch lässt sie die Gefühle gemeinsam mit ihren Klienten zu surrealen Bühnenbildern werden, die mit eigener Symbolik der inneren Bilder arbeiten – die innere Stimme, die einen antreibt wie eine Peitsche, das Gefühl der Unfreiheit als bedrückend kleiner Raum, Nähe und Distanz, Beziehungen dargestellt über Kissen. Leonie hat die besondere Fähigkeit, die ineinander verflochtenen Gefühle zu entwirren. Damit schafft sie Klarheit und erzeugt neuen Antrieb, um eine neue Richtung einzuschlagen.

Erste Schritte auf der eigenen Heilungsreise

Ihr eigener Veränderungsprozess beginnt während des Studiums. Vor allem kommt sie in dieser Zeit mit ihrem zukünftigen Mann Martin zusammen, die „Liebe ihres Lebens“ wie sie sagt. Aber es plagen sie auch unerträgliche Kopfschmerzen, die ihr fast den Lebensmut nehmen. Sie konsultiert viele Ärzte, unterzieht sich zahllosen Untersuchungen, doch eine körperliche Ursache wird nicht gefunden. Erst als ihre Mutter ihr eine Therapeutin empfiehlt, geht sie auf „Heilungsreise“, wie sie es nennt. Es ist zuerst eine Gesprächstherapie, die ihr hilft, die ersten Schritte zu gehen, um herauszufinden, was sie wirklich will und immer mehr ihre eigene Wahrheit zu leben. Sie führt auch dazu, dass sich Leonie nach und nach von ihrer Familie löst, deren Werte und Vorstellungen sie bislang dominiert hatten. Mit Craniotherapie und der Unterstützung durch einen anthroposophischen Schmerztherapeuten schafft Leonie es schließlich, dass der Kopfschmerz sie nicht mehr beherrscht.

Nach dem Studium arbeitet Leonie als Bühnenbildnerin und Szenenbildnerin an verschiedenen Theatern, beim Film und in der Werbung. Sie fühlt sich inspiriert von den kreativen Herausforderungen, ist aber auch sehr eingespannt. Sie muss viel reisen, arbeitet nachts und fühlt sich mit der Zeit  in den Theater- und Filmstrukturen nicht mehr wohl. Wie sehr sie das anstrengt, merkt sie, als ihr Sohn Elias 2005 geboren wird, denn sie ist dankbar für die Arbeitspause. Nach der Geburt ihrer Tochter Nelly 2008 beschließt Leonie, nur noch Werbeprojekte zu machen, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben. Doch ihr wird schnell klar, dass ihre Kreativität und ihre Begeisterung für Inhalte dort nur sehr wenig Platz haben. Die Arbeit fällt ihr immer schwerer, und sie versucht daher einen Kompromiss, indem sie sich aus der eigentlichen Produktion zurückzieht. „Ich habe dann nur noch Beispielbilder und -szenen für die geplante Werbung gesucht und Vorschläge zu Lichtstimmung, Schauspielern, Ausstattung von Szenen und Kameraeinstellungen in sogenannten „Moodboards“ erstellt.“

Etwas Neues ausprobieren

Doch immer öfter fragt sie sich: „Was mache ich hier eigentlich?“. Sie sieht keinen Sinn mehr darin, über Dinge wie die Tonalität von Käse auf einem Burger nachzudenken. Zudem arbeitet sie für Marken, deren Werte sie zutiefst ablehnt. Ihr Körper reagiert mit Angstzuständen, Enge in der Brust und Rückenschmerzen. In ihr staut sich mehr und mehr Abscheu und Wut. „Ich bin durch die Wohnung gelaufen und hab ganz laut geschrien, um mich abzureagieren und eines Tages wusste ich, ich kann es nicht mehr.“ Sie hatte das starke Gefühl, dass sie nicht auf der Welt ist, um „das“ zu machen.

Doch was kann sie stattdessen tun? Leonie spürt den inneren Impuls, dass sie im Einklang mit ihren Werten Transparenz, Ehrlichkeit, Offenheit, Liebe und Authentizität leben möchte, weiß aber nicht, wie sie das erreichen kann. Sie probiert vieles aus, geht zu Schamanen und Körpertherapeuten und merkt wie sehr die Arbeit mit Menschen sie fasziniert. Intuitiv beschließt sie, zunächst selbst eine Coachingausbildung zu machen. Bei Hanne Edling lässt sie sich zur psychologischen Beraterin und zum Coach ausbilden und beginnt dann die Ausbildung zur integrativen Gestalttherapeutin und zur Heilpraktikerin für Psychotherapie. Beides schließt sie 2013 ab.

Bei diesen Entscheidungen folgt sie hauptsächlich ihrem Gefühl, hat keinen konkreten Plan, sondern lässt alles auf sich zukommen. Für Leonie ist es zunächst schwer und ungewohnt, dies auszuhalten. Bisher hat sie Dinge sehr zielstrebig und geradlinig verfolgt, um dann schnell Erfolge zu erzielen – eine Denkweise, die sie von ihrer Familie übernommen hat. „Ich weiß noch, wie ich am Anfang dieses Übergangs, als ich keinen richtigen Beruf hatte, auf keine Party gehen wollte. Ich wusste nicht mehr, über was ich mich definieren sollte.“

Im Einklang mit sich selbst

Doch diese Unsicherheit verschwindet mehr und mehr. Leonie versteht, dass es ihr um etwas anderes geht. Sie muss sich nicht mehr definieren über Erwartungen von ihr oder anderen an sich selbst. Sie möchte einfach ihr ganzes Leben und den Beruf im Einklang mit ihren Werten gestalten. Sie möchte sich Zeit nehmen, um sich selbst kennenzulernen und möchte es schaffen, sich zu zeigen genauso, wie sie ist. Auf ihrem Weg gibt sie sich nach und nach immer öfter die Erlaubnis, einfach sie selbst zu sein. Und sie erlebt, dass sie sich dadurch immer freier und unbeschwerter fühlt. „Es ist eine Haltung, die mein ganzes Leben betrifft. Meinen Umgang mit mir, meine Beziehungen, meinen Blick und mein Wirken in der Welt.“

Wo Leonie früher meinte, kontrollieren zu müssen, vertraut sie heute darauf, dass ihr eigener Rhythmus und ihre Art, an Dinge heranzugehen, genau die richtigen sind. Sie erlaubt sich ihr eigenes Tempo, folgt ihrer Intuition und hat sich gelöst von veralteten, fremden Ideen, die bisher ihr Leben bestimmten.

Seit drei Jahren hat Leonie ihre eigene Praxis für Gestalttherapie in Berlin-Mitte. Es ist ein Raum in ihrer Familienwohnung, den sie mit viel Liebe und Sinn für Ästhetik nach ihren Vorstellungen eingerichtet hat. Sie glaubt fest daran, dass Schönheit einer Umgebung einen wichtigen Einfluss auf Heilungsprozesse haben kann. Auf der Erde liegt ein Teppich in warmen Rot- und Orangetönen, in einer Ecke stapeln sich Kissen in allen Farben und Größen. Ein dunkles Holzsideboard mit vielen kleinen Schubladen ist dekoriert mit einem Gesteck aus verschiedenen Gräsern und blühenden Nelken. Daneben glitzernde Mineralien vor einer indischen Statue, geschmückt mit Ketten und Vogelfedern. An der Wand hängen bunte Zeichnungen und auf dem Fenstersims steht ein kleines Wollschwein, das Leonies Sohn Elias gehäkelt hat. Die Sonne wirft helle Lichtstreifen auf zwei Stühle mit weißen Schaffellen.

Es ist Leonies Bühne. Sie hat sie für sich selbst inszeniert, um ein sinnvolles Leben zu führen und ihre Vision zu leben, den Menschen zu dienen.

 


 

Leonie von Arnim bietet individuelle Gestalttherapiestunden, aber auch Gruppenveranstaltungen für Frauen an. Gemeinsam mit ihrer Freundin Susanne Feld veranstaltet sie Wochenend-Retreats in Brodowin und Abend-Retreats im Zentrum für Alexandertechnik in Berlin.

Siehe auch: http://www.leonievonarnim.com/termine/

Kontakt:

Leonie von Arnim
Gestalttherapie, Coaching, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Koppenplatz 11
10115 Berlin

Mobil: 0172 304 88 81
Web: www.leonievonarnim.com
Facebook: https://www.facebook.com/leonievonarnim.gestalt/

Fotos: Meike Kenn und Leonie von Arnim

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