Petrus Akkordeon

Der Berliner Künstler Petrus Akkordeon verbrannte früher Bücher und warf Farbeimer aus Unifenstern. Heute pflanzt er Blumen auf unwirtlichen Verkehrsinseln und liest Gedichte unter Autobahnbrücken vor. In einer einjährigen Kunstaktion versucht er zum Hirsch zu werden und irritiert damit Schamanen, Jäger und Juristen.

Petrus Akkordeon steht mit einer Axt im Souterrain einer alten Villa in Berlin-Lichterfelde. Der Kontrast könnte nicht stärker sein: Oben das hochherrschaftliche Haus mit Fresken am Eingang, hohen Fenstern und einer weiß leuchtenden Fassade und unten die niedrigen Räume von Petrus. Seit seiner Geburt hat er hier gelebt – als jüngstes Kind seiner Eltern mit Bruder Roland und seinen Schwestern Pia und Daniela. Seine Freundin Tanja gesellte sich nach der Schulzeit ebenfalls dazu. Diese Zeit endet heute. Denn heute ist der Tag, an dem Petrus sein Atelier zerhackt. Die Räume, in denen der 46-Jährige sein ganzes Leben verbracht, gezeichnet, illustriert und gedichtet hat, wird er heute verlassen. Er hat letzte Weihnachten die Kündigung bekommen – die Frist ist nun abgelaufen. Die Villa wird saniert und umgebaut – der über 100jährige Garten muss einem Neubau weichen.

„Ich habe 30 Jahre lang als Butler und Gärtner für Margret, die alte Dame oben, gearbeitet“, sagt Akkordeon und zeigt mit dem Finger an die Decke. Ihr fühlte sich Petrus sein Leben lang menschlich sehr verbunden, und sie behandelte ihn wie ein Familienmitglied. Doch letzten September fand Petrus die 86-Jährige sterbend in ihrem Zimmer auf dem Boden. „Nun braucht sie mich nicht mehr“, sagt Petrus leise. „Ich hatte Margret versprochen, dass ich mich bis zu ihrem Tod um sie kümmere.“ Mit Margret hat er nicht nur einen sehr nahestehenden Menschen verloren, sondern gleichzeitig seine Wohnung und seine Arbeit.

“Meine Kindheit war so Scheiße, dass mir die jetzige Situation leicht fällt”.

Sein Atelier, in dem er in gefährlich schwankenden Stapeln seine Kunst aufbewahrt hatte, ist nur noch ein Trümmerhaufen. Über tausend Bilder hat er nicht unterstellen können, als er aufgrund der Räumungsfrist ausziehen musste. Sie wurden nun zerstört. Für jemanden, der kein einziges seiner Kunstwerke je weggeworfen hat, ist dies eine harte Probe. Da Petrus gerade eine dreijährige Ausbildung zum Altenpfleger begonnen hat, blieb ihm einfach keine Zeit, alles auszuräumen. „Ich stehe morgens um halb fünf auf, fahre zur Arbeit, arbeite acht Stunden oder mache Doppelschichten und habe auch noch ein Pferd, um das ich mich kümmern muss.“ Doch Petrus findet trotz allem, dass er es besser als andere hat: „Meine Kindheit war so Scheiße, dass mir die jetzige Situation leicht fällt, weil ich ja trainiert bin.“

Wenn Akkordeon von seinem Leben erzählt, hat man Mühe ihm zu folgen. Zu viel scheint passiert, um es lange zu erklären. Jeder seiner knapp formulierten Sätze erzeugt Erstaunen und weckt Zweifel. Sein Vater ein Fremdenlegionär, die eine Schwester Sängerin, die andere fast taub, sein Bruder ein Tattookünstler, seine Oma psychotisch, die Mutter dement, er selbst Veganer, Butler, Künstler, Guerilla-Gärtner und nun angehender examinierter Altenpfleger. Für Akkordeon ist das Anderssein das Normale.

“Entweder werde ich Künstler oder ich bringe mich um”.

Akkordeon lebt schon als Kind in seiner eigenen Welt der Kunst. Das reale Familienleben hingegen wird vom Vater beherrscht. Der alkoholkranke französische Ex-Fremdenlegionär kehrt traumatisiert aus dem Algerienkrieg zurück und kommt als Alliierter nach Berlin. Als ein Freund in seinem Beisein von einer gerissenen Panzerkette enthauptet wird, verlässt er die Armee. Er ist mehrfach traumatisiert, psychisch krank und nun sogar obdachlos. Auf einer Bank vor einer Kirche in Berlin-Steglitz trifft er Petrus’ Mutter, die ihn später heiratet. Zukünftig wird die ganze Familie unter ihm leiden, da er täglich seine Kriegstraumata neu durchlebt.

Abgehackte Köpfe und verbrannte Menschen

„Er hat uns von abgehackten Köpfen und Menschen erzählt, die die Soldaten mit Flammenwerfern verbrannt haben, weil sie ihnen kein Wasser geben wollten. Ich habe mir das als Kind jeden Abend anhören müssen“, sagt Petrus. „Immer wieder hat er auch gedroht, uns umzubringen.“

Doch die Mutter wagt nicht, den Mann zu verlassen, da sie fürchtet, er würde seine Morddrohungen dann wahr machen. Akkordeon lernt, Wut und Trauer nicht zu zeigen, um den Vater nicht zu provozieren. Er malt und zeichnet stattdessen exzessiv und schläft teilweise nur drei Stunden am Tag. Solange er malt, ist er Künstler, kann selbst entscheiden, was er tut. Seine Werke signiert er je nach Stimmung mit wechselnden Namen und absurden Jahreszahlen – hier hat er die Kontrolle, nicht der Vater.

In der Pubertät schlägt Angst in Hass um, Akkordeon will sich physisch wehren. „Ich habe mir eine Axt gekauft und sie ständig am Gürtel getragen.“ Er trainiert sogar für den möglichen Kampf und entschließt sich dann doch aus Vernunft dagegen. „Ich folge meinen Gedanken immer bis ins Extremste, weil ich das spannend finde. Aber dann setze ich sie nicht in die Tat um.“ Als sein Vater von ihm verlangt, eine Lehre zu beginnen, revoltiert er und droht in einer Sprache, die der Vater versteht: „Entweder werde ich Künstler oder ich bringe mich um.“ Diesen Kampf gewinnt Akkordeon, der zu diesem Zeitpunkt noch Jean-Pierre Batailde heißt.

Er beschließt, Petrus Akkordeon zu sein

Mit 18 trennt sich Akkordeon von dem verhassten Namen des Vaters und beschließt, Petrus Akkordeon zu sein. „Ich habe mir einfach eine neue Biografie erbaut, die mir gefallen hat.“ Die Entscheidung fällt, während er im Schulunterricht den Film „Panzerkreuzer Potemkin“ sieht und dabei einen Akkordeon spielenden Matrosen zeichnet. Wie so oft bei ihm, klingt auch diese Geschichte frei erfunden, aber das Bild mit dem Matrosen gibt es tatsächlich. Er hat es in Großbuchstaben mit Akkordeon signiert. „Ein Sammlerstück für meinen späteren Weltruhm“, wie er augenzwinkernd sagt.

Druck von Petrus AkkordeonAkkordeon fällt bereits in seiner Schulzeit mit ungewöhnlichen Aktionen auf. Ihn fasziniert, wie man Sichtweisen und dadurch die Realität verändert. Als 1990 sein Vater stirbt, will Akkordeon den Tod besser verstehen. Er bringt an einem Freitag einen großen Rinderknochen in die Schule und legt ihn in eine Glasvitrine der Kunst-AG in die Sonne. Die Vitrine schließt er ab. Am Montag zieht Verwesungsgeruch durch die Schule und die Lehrer sind empört. Akkordeon weigert sich eine Woche lang, die Vitrine wieder aufzuschließen. Er will unbedingt etwas sichtbar machen, was man sonst nicht sehen würde und nimmt dafür jeden Ärger in Kauf.

Alltägliches in Kunst verwandeln

Dieser Ansatz zieht sich bis heute durch viele seine Aktionen, die mittlerweile jedoch deutlich weniger provokant sind. Heute will er vor allem Alltägliches in Kunst verwandeln, den Alltag „poetisieren“. Er bietet dazu Spaziergänge in der Natur an, bei denen die Teilnehmer Gedichte verfassen sollen, um sie den Bäumen vorzulesen. Oder er liest wie beim Internationalen Literaturfestival „Radaugedichte“ unter einer Autobahnbrücke vor, die keiner versteht, weil der Verkehrslärm darüber brüllt. Akkordeon erzeugt durch seine absurden Aktionen einen neuen Blick auf Orte, an denen man sonst unachtsam vorbei gehen würde. Den kommerziellen Erfolg sucht er damit nicht, denn für ihn ist die Kunst selbst das Wichtige.

“Wenn ich etwas behaupte, dann ist es eben da”.

Doch Erfolg stellt sich manchmal unerwartet ein. Als er beginnt, zu spontanen Pflanzaktionen auf hässlichen Berliner Verkehrsinseln und anderen öffentlichen Orten aufzurufen, interessieren sich die Medien plötzlich für ihn. Denn „Guerilla-Gardening“ ist gerade en vogue und klingt gefährlich. Akkordeon erhält Anfragen aus der ganzen Welt, wird gefilmt mit Spitzhacke und Spaten am Potsdamer Platz oder am Reichstag und erntet Geraune, wenn er den Journalisten mit hochgezogenen Augenbrauen von den „hohen Strafen für illegales Pflanzen“ erzählt. Akkordeon spielt gern mit den Erwartungen der Journalisten und führt sie damit gleichzeitig in die Irre. Niemand kann bei ihm sicher sein, dass er nicht unvermittelt selbst zum Kunstobjekt wird. Auch sein „Journalistengarten“ ist so entstanden. Als er merkt, dass Reporter immer wieder fragen, ob er ihnen eine verbotene Aktion an einem interessanten Ort zeigen könne, führt er sie an den unspektakulären Teltowkanal im abgeschiedenen Südberlin. Er lässt sie am Kanal selbst zur Schaufel greifen. Indem sie graben, säen, filmen und fotografieren, schaffen sie sich ihre Aktion selbst und merken es gar nicht. Akkordeon ist sich sicher: „Wenn ich etwas behaupte, dann ist es eben da“.

Denk dir einen Würfel – und denke ihn wieder weg

Ursprünglich wollte Akkordeon freie Künste an der Hochschule der Künste (HdK, heute UdK) in Berlin studieren, wurde jedoch abgelehnt. 1992 erhält er einen Studienplatz für Kunstlehrer und trifft in seinem Studiengang auf Professoren, die eher die Techniken der Kunst vermitteln wollen. Sie legen den Kunstbegriff sehr eng aus. Für Akkordeon kann jedoch Kunst durchaus etwas sein, das nur in der Vorstellung existiert. Seiner Dozentin Britta Clausnitzer präsentiert er in einem Seminar ein Kunstwerk in Form eines reinen Textes: „denk dir einen würfel mit der kantenlänge von einem meter, er schwebt in deiner augenhöhe in einem abstand von einem meter und dreht sich sehr langsam im uhrzeigersinn um seine eigene achse. komme in 24 stunden wieder hier her und denke ihn weg.“

Die Malerin Clausnitzer sieht darin Kunst, die jeden Betrachter verführe, die Welt durch eigene gedankliche Assoziationen neu zu schaffen und zu poetisieren. Doch nicht alle sehen dies so. Einige Professoren lehnen es strikt ab, Akkordeons Kunst anzuerkennen. Doch trotz aller Anfeindungen ist Akkordeon absolut überzeugt von seiner Arbeit. „Petrus fand es grundsätzlich unter seiner Würde, seine Kunst zu erklären“, sagt Clausnitzer und lacht. „Er empfand es eher als Affront, dass Kunstprofessoren ihr eigenes Fach nicht verstanden.“

F. W. Bernstein: “Ich bin immer noch ein großer Bewunderer von ihm”.

F.W. Bernstein

F.W. Bernstein signiert „Zack die Ente“

Akkordeon polarisiert. Mit wildem Bart, langen Haaren, einer weiten weißen Hose mit Farbflecken und einer Axt am Gürtel stößt er in dieser Zeit häufig auf Ablehnung. Zudem wirken viele von Akkordeons Aktionen provokativ. So wirft er beispielsweise Farbeimer aus dem Fenster des ersten Stocks in den Hof der Universität. Oder er zündet vor den Augen der entsetzten Professoren im Lehrerseminar Bücher an, weil er eine Diskussion über das Bücherverbrennen anstoßen will. Der bekannte Titanic-Karikaturist F.W. Bernstein, der Akkordeon an der Uni unterrichtet, beschreibt ihn als einen „unglaublich produktiven und dabei kompromisslosen Künstler“, der jedoch nicht aktiv die Provokation suchte. „Akkordeon machte Kunst einfach so, wie er sie für richtig hielt und nahm dabei keinerlei Rücksicht auf mögliche Konsequenzen. Ich bin immer noch ein großer Bewunderer von ihm.“

1999 gründet Akkordeon gemeinsam mit Freunden an der HdK den „Kunstkampfverlag“, der den „antikommerziellen Weltruhm“ zum Ziel hat. Gemeinsam mit seinem Künstlerfreund Georg Kakelbeck produziert er jede Woche ein Heft mit eigenen Zeichnungen und Lyrik, das sie auf Schwarz-Weiß-Kopierern herstellen und in Minimalauflagen von zehn Stück auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt anbieten – mit mäßigem Erfolg, aber dadurch tatsächlich strikt antikommerziell.

Von dem jungen Wilden mit Axt im Gürtel, ist heute nichts mehr zu erkennen. Akkordeons lockige dunkelbraune Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, sein Bart ist gepflegt und er trägt eine Jeans und einen dunklen Pullover zu schwarzen Outdoorstiefeln. Seine Augen haben etwas Sanftes und gleichzeitig Schalkhaftes, wenn er von seinen Kunstprojekten erzählt. Das Studium hat er schließlich 2003 nach zehn Jahren beendet, als der Fachbereich Kunstpädagogik aufgelöst wurde.

Petrus Akkordeon mit Hirschmaske auf seinem Pferd Norman.

Petrus Akkordeon mit Hirschmaske auf der Stute Butternase.

Der Mann, der ein Hirsch werden wollte

Akkordeon arbeitet künstlerisch hauptsächlich mit der Darstellung von Tieren, sowohl in seinen Zeichnungen als auch in Gedichten. Mit wenigen Pinselstrichen bringt er sie humorvoll und ausdrucksstark aufs Papier oder drückt seine Verbundenheit in Gedichtzeilen aus: „Überall sind diese Leute, gestreifte Wesen. Manchmal wäre ich gern ihr Freund. Möchte mich an ihnen reiben bis sie krallenscharf mich Nähe lehren.“ Vielleicht ist es diese Sehnsucht nach Nähe, die ihn 2009 auf den Gedanken bringt, in einem einjährigen Kunstprojekt das Hirschwerden zu probieren. Den Startpunkt legt er auf seinen Geburtstag, den 27. September – eine Wiedergeburt als Hirsch. „Wie man ein Hirsch wird“ ist für Akkordeon eine der schönsten, aber auch eine der schwierigsten Aktionen, die er je gemacht hat. Sie vereint seinen Wunsch, Realität allein durch Vorstellungskraft zu verändern mit seinem Talent, Menschen dazu zu bringen, seine Vorstellungswelt zu teilen. Akkordeon geht das Projekt ganz pragmatisch an. „Ich habe mir überlegt, was man braucht, um ein Hirsch zu werden und habe dann im Internet nach Angeboten gesucht.“

Wie es ist, vier Beine und ein Geweih zu haben

Nach anfänglicher Skepsis lassen sich tatsächlich einige „Experten“ auf ein Gespräch mit Akkordeon ein. Sie alle setzen sich mit dem Gedanken auseinander, es wäre tatsächlich möglich, sich in einen Hirsch zu verwandeln. Selbst eine Tierärztin, die als Naturwissenschaftlerin sicher nicht an Illusionen glaubt, gibt ihm praktischen Rat: Er solle sich einen Lebensraum suchen, der für Hirsche zum Schlafen und Essen geeignet wäre. Und mit einem Juristen, der sich sonst mit trockenen Paragraphen beschäftigt, führt Akkordeon eine ernste Diskussion darüber, ob man als Mensch seine Menschenrechte abgeben und gegen den Tierstatus tauschen könne. Als eine Jägerin überrumpelt zugibt, dass sie Akkordeon für einen Hirsch halten könnte, wenn sie einen Hirsch erwarten würde, hat Akkordeon sein Ziel erreicht: Jemand hat ihn tatsächlich als Hirsch gesehen, wenn auch nur für kurze Zeit.

Auch er selbst denkt sich hinein in das Hirschsein, stellt sich vor, wie es im Alltag wäre, vier Beine und ein Geweih zu haben. Das geht so weit, dass er nicht mehr Auto fährt, weil ihn sein Geweih dabei stört. Außerdem ernährt er sich vegan wie Hirsche auch. Nach einem Jahr und weiteren Gesprächen mit dem Berliner Wildtierexperten Derk Ehlert, einem Schamanen, einem Philosophen und einer Reiki-Meisterin, schließt er sein Projekt schließlich offiziell ab.

“Ich fühle mich immer noch wie ein Hirsch”.

Zeichnung von Petrus Akkordeon zum Thema "Hirsch"

Zeichnung von Petrus Akkordeon zum Thema „Hirsch“

Doch scheint die Aktion für Akkordeon noch nicht wirklich beendet zu sein. „Ich fühle mich immer noch wie ein Hirsch“, sagt er und betrachtet nachdenklich seine Füße auf dem Boden. „Und mir wächst langsam ein Geweih“. Er hebt den Kopf und sein Blick lässt keinen Zweifel zu. In der Vorstellung ist es plötzlich da: braun und mit spitzen Verzweigungen, schwebend über seinem Gesicht. Akkordeon lächelt zufrieden, ganz mit sich im Reinen.

Wenn es für ihn soweit ist, wird er einfach beschließen, etwas ganz anderes zu sein – ein Haselnussstrauch zum Beispiel.

Bücher von Petrus Akkordeon

1999 erschien das erste Buch „Der Froschkönig“ mit Gedichten und Zeichnungen von Petrus Akkordeon bei der edition wasser im turm.berlin.  Seitdem sind es bereits über fünfzig Bücher geworden, die unter anderem im Verlag Corvinus-Presse von Hendrik Liersch erschienen sind. Darunter „Zack die Ente“ mit Gedichten von F.W. Bernstein und Illustrationen von Petrus Akkordeon (2017).

Seine Bücher bekommt man u.a. bei: Corvinus-Presse , edition wasser im.turm.de, andante presse berlinmückenschweinverlag Stralsund, Verlagshaus Berlin.

Kontakt: pakkordeon@web.de
und auf Facebook: https://www.facebook.com/petrus.akkordeon

Sabine Zinc

Sabine Zinc (56), sagt von sich, sie sei eine echte „Ostbraut“. Sie lacht für ihr Leben gern, obwohl sie nicht immer viel Grund dafür hatte. Ihre Mutter akzeptierte sie nicht, ihre Tochter bekam Krebs, eine Partnerschaft ging aufgrund von Alkohol auseinander, ihr Bruder starb. Heute ist sie glücklich verheiratet mit Jürgen und immer noch verliebt wie ein Teenager.

Wenn man Sabine glaubt, dann ist es Jürgen, der sie ständig zum Lachen bringt. Glaubt man Jürgen, dann verdankt er es Sabine, dass er nach vielen Jahren endlich wieder lachen kann. Auf jeden Fall ist das Lachen von Sabine ein Naturereignis. Sie  lacht mit ihrem ganzen Körper,  krümmt sich nach vorn, nach links und nach rechts. Dabei zieht sie Grimassen, kneift ihre dunkelbraunen Augen zusammen und wedelt mit den Händen als wolle sie verhindern, dass ihr Gegenüber noch mehr lustige Sachen sagt, weil sie keine Luft mehr bekommt. Wer dann in der Nähe steht, wird einfach mitgerissen von dieser fröhlichen Lawine, die jegliche schlechte Laune kompromisslos niederwalzt.

Sabine Zinc (gesprochen „Zinz“) wurde am 5. August 1961 in Hohen Neuendorf bei Berlin als Sabine Hänel geboren. Ihr Start in die Kindheit war alles andere als einfach, denn sie litt an einer Art Kinderlähmung und konnte nicht laufen. „Bis ich vier Jahre alt war, wurde ich in einem Kinderwagen geschoben. Im linken Bein habe ich heute noch vier tiefe Löcher von den Spritzen, die ich immer in dieselben Stellen bekommen habe.“

Trennung von der Familie

Doch nicht nur die Spritzen haben Narben hinterlassen, auch das Verhalten ihrer Eltern – vor allem das ihrer Mutter – hat sie bis heute tief verletzt. „Als ich anderthalb Jahre alt war, hat meine Mutter beschlossen, dass ich nicht in die Familie passe,“ sagt Sabine. Sie versteht bis heute nicht, weshalb die Mutter sie zu den Großeltern gibt, aber alle Geschwister später bei sich behält.

Der Kontakt zur Familie bleibt in den folgenden Jahren distanziert. Die beiden jüngeren Schwestern Verena, Daniela, die ältere Schwester Manuela und ihren Bruder Hilmar sieht sie nur bei Familienfesten. „Die wollten alle nichts mit mir zu tun haben, weil ich bei Oma wohnte“, sagt Sabine heute. Doch eine richtige Erklärung ist das nicht. Ihre Mutter reagiert extrem abweisend, wenn sie ihre Tochter durch Zufall in der Stadt trifft und wechselt sogar die Straßenseite. Das ist schwer zu verstehen und sicher nicht die beste Voraussetzung, um sich später selbst zu lieben. Doch glücklicherweise gibt es Sabines Oma. Diese sorgt dafür, dass Sabine trotz allem eine glückliche Kindheit hatte. Bei ihr findet sie das, was ihre Mutter ihr bis heute verweigert: Liebe und Fürsorge. „Meine Großeltern waren irgendwann meine Mama und mein Papa,“ sagt Sabine rückblickend und lächelt. Als ihr Opa stirbt, ist sie elf Jahre alt und wohnt danach weiter bei ihrer Oma „damit sie nicht so alleine ist“, wie sie sagt.

Liebe und Alkohol

Sabine bleibt in Hohen Neuendorf, macht eine Ausbildung zur Bäckerverkäuferin und Kassiererin im Großhandel und trifft ihren ersten Mann Rainer. Mit ihm ist sie 20 Jahre zusammen und zieht mit ihm ihre beiden Kinder Dominik (34) und Belinda (29) groß. Sabines Mutter bleibt weiter auf Abstand. Weder unterstützt oder besucht sie ihre schwangere Tochter, noch interessiert sie sich später für ihre Enkel. Sabine sagt, ihr selbst sei das egal gewesen, doch ihr Blick lässt daran zweifeln.

Nach der einvernehmlichen Trennung von ihrem Mann folgt eine langjährige Beziehung mit Volker, einem begnadeten Koch, aber leider auch einem Alkoholiker, Sabine merkt erst, wie es um ihn steht, als er nach einem gemeinsam verbrachten Abend eines Morgens vor ihr steht und sie anfährt, wo sie denn nachts gewesen sei. Volker beschuldigt sie, fremdgegangen zu sein und phantasiert, dass das Wohnzimmer voller fremder Männer sei. „Er hatte sich das Kurzzeitgedächtnis vollkommen weggesoffen.“ Volker hat das Korsakow-Syndrom – seine Gehirnzellen sind durch Alkohol unwiderruflich zerstört. „Ich habe nur von Bier gewusst, bis dann die Flachmänner aus den Ecken gepoltert sind. Du kannst dir nicht vorstellen, wo die überall waren. Er hatte zwar immer eine Fahne, aber er wirkte nicht betrunken. Ich habe das zwölf Jahre lang nicht gemerkt. Vielleicht wollte ich es auch nicht wahrhaben.“

Einige Zeit bleibt Sabine noch bei ihm, doch sein Zustand macht ein Zusammenleben schließlich unmöglich. Auf Bitten ihrer Tochter Belinda verlässt sie ihn und zieht 2010 zu ihr nach Berlin-Hohenschönhausen.

Sorge um die Tochter

Anders als sie es mit ihrer eigenen Mutter erlebt hat, hat Sabine ein sehr enges Verhältnis zu ihrer damals 23-jährigen Tochter. Sie liebt sie über alles und genießt das Zusammenleben mit Belinda, ihrem einjährigen Enkel Damion und seinem Vater sehr. Doch dann schlägt das Schicksal erneut zu. Im Februar 2011 entdeckt Belinda morgens beim Blick in den Badezimmerspiegel eine große Beule an ihrem Hals, die am Abend zuvor noch nicht da war. Sie gehen sofort zum Arzt. Der ist sehr alarmiert, entnimmt eine Gewebeprobe und schickt sie ein. Das Ergebnis ist ein Schock: Morbus Hodgkin, Lymphdrüsenkrebs.

Es beginnt eine Zeit, an die sich Sabine nicht gern zurückerinnert. Ihre Tochter wird operiert, bekommt Bestrahlung, dann Chemotherapie und muss verschiedene Medikamente nehmen. Sabine pflegt ihre Tochter und weicht ein Dreivierteljahr lang keinen Tag von ihrer Seite. Da Belindas 20-jähriger Freund von der Krankheit, aber auch von der Vaterrolle überfordert ist, kümmert sich Sabine auch um den Enkel. In dieser schweren Zeit hofft Sabine noch einmal auf das Verständnis ihrer Mutter. Sie ruft sie an und erzählt ihr von der Krebskrankheit ihrer Enkelin. „Da hat sie einfach gesagt, solange Belinda noch rumlaufen kann, wird es ja nicht so schlimm sein.“ Die Erinnerung daran macht Sabine immer noch wütend. „Ich habe dann nicht mehr mit meiner Mutter gesprochen.“

Belinda verliert durch die Krankheit stark an Gewicht und auch Sabine wird immer dünner aus Sorge um sie. „Das hatte den Vorteil, dass wir uns beide die gleichen Klamotten kaufen konnten,“ erinnert sich Sabine lachend. So zeigen sie, dass sie zusammengehören. Belinda geht später nach überstandener Krankheit noch einen Schritt weiter und lässt sich den Namen „Sabine“ auf den Arm tätowieren. Aus Liebe zu ihrer Mutter.

Es gibt ein Foto von Sabine, auf dem sie und ihre vier Geschwister mit ihrem Vater zu sehen sind. Sabine hat die kräftige Statur von ihm und auch den dunklen Teint, der viele glauben lässt, sie sei Türkin. „Dabei bin ich eine hundertprozentige Ostbraut“, sagt Sabine und grinst. Wenn es Sabine gut geht, umrandet sie ihre dunklen Augen mit schwarzem Kajal und zieht ihr Leoparden-T-Shirt an. Ihre langen Fingernägel lackiert sie sorgfältig mal schwarz, tiefrot oder mehrfarbig. Fingernägel sind wichtig, denn sie sind der Grund, weshalb sie heute zum zweiten Mal verheiratet ist. „Dabei habe ich immer gesagt, ich heirate nie wieder,“ sagt Sabine lachend.

Warum man mit langen Fingernägeln nicht Billard spielen sollte

Doch dann kam Jürgen. Sie kennt ihn schon seit Jahren als guten Freund, mit dem sie ab und zu quatscht oder Skat spielt. Mehr nicht. Als er sie also an einem Samstag anruft und fragt, ob sie Lust hätte, mit ihm Billard spielen zu gehen, denkt sie sich nichts weiter dabei. Sie macht sich hübsch und fährt spät abends nach Hohen Neuendorf. Sie spielen eine Weile, doch dann fällt einer ihrer aufgeklebten Fingernägel in das Loch, in das die Kugeln hinein sollen. Der Billardtisch ist blockiert, nichts hilft – den Nagel bekommen sie nicht mehr heraus. Jürgen sieht sie eine Weile an und sagt schließlich: „Na, wenn das hier so langweilig ist, können wir auch zu mir fahren – da ist es genauso langweilig.“

Sabine geht mit und bleibt gleich bis zum Frühstück. Später wird daraus das ganze Wochenende. „Und dann fing das Wochenende donnerstags an und hörte erst mittwochs auf. Irgendwann sagte dann meine Tochter: ’also wohnst du jetzt hier oder wohnst du da? Dein Enkel vermisst dich.“

Beide sind verliebt wie Teenager und überglücklich. Den Heiratsantrag macht dann Sabine spontan, als sie mit dem Auto an einer roten Ampel warten müssen. „Ich sagte zu meinem Liebling: ’weißte was, fahr am besten mal hier links rum zum Linden Center.“ Als Jürgen erstaunt fragt, was sie da noch kaufen möchte, antwortet Sabine kurz und knapp: „Ich kauf jetzt Ringe.“ Und als Jürgen wissen will, ob das ein Heiratsantrag war, sagt Sabine kichernd ‚ja‘. Ihren Jürgen heiratet sie am 23. Mai 2014 in Schöningen und feiert dann in kleinem Kreis in ihrer Gartenlaube. Auf dem Hochzeitsfoto steht das glückliche Brautpaar in strahlender Sonne vor dem geschmückten Auto. Jürgen hat seine langen Haare auf Wunsch von Sabine kurz schneiden lassen, aber sein vorwitziger grauer Schnauzer ist geblieben.  Sabine hat blond gefärbte Haare und ein langes weißes, schulterloses Kleid mit Armstulpen aus Spitze. Ihr kleiner roter Brautstrauß passt perfekt zum roten Jackett von Jürgen mit den kleinen Ansteckblumen. Beide haben ihre Arme ineinander verschränkt und halten sich an den Händen, fest entschlossen, sich nie wieder loszulassen.

Der Tod gehört zum Leben dazu

Vor der Hochzeit hatte sich Sabine bereits in der Schöninger Region als Altenpflegehelferin beworben. Diese Zusatzausbildung hatte sie noch in Berlin absolviert, aber dort keine Arbeit gefunden. „In Berlin bekam ich immer die Ausrede, ich sei ja schon über 50. Irgendwann konnte ich das nicht mehr hören.“ Und nun ist sie in Schöningen und bekommt eine Woche nach ihrer Hochzeit nun auch eine neue Arbeitsstelle. „Das war Liebe auf den ersten Blick mit meiner Chefin.“

Für Sabine beginnen nun drei herausfordernde Jahre in einer Dementen-WG in Wolfsburg. Jeden Tag fährt sie von Schöningen 45 Kilometer hin und zurück, oft auch spätnachts über Land. Sie arbeitet zwei Schichten hintereinander, denn wie überall in der Pflege herrscht auch hier Personalmangel. Sabine liebt ihren Beruf. Hier ist sie genau richtig mit ihrer gefühlsbetonten und fürsorglichen Art. Sie liebt die Nähe zu den demenzkranken Menschen, die sie drücken und Dinge sagen wie „schön, dass du da bist.“ Auch, wenn sie vielleicht in diesem Moment denken, es sei ihre Enkelin, die vor ihnen steht. Sie begleitet Menschen oft bis zu ihrem Tod, lagert sie bequem und liest ihnen vor, bis sie nicht mehr atmen und weint auch um sie.

Doch all das hinterlässt auch seine Spuren. Immer seltener gelingt es Sabine, die Arbeitserlebnisse am Fahrstuhl zurückzulassen. Immer mehr zehren die vielen Schichten und die Nachtarbeit an ihren Ressourcen. Hinzu kommen zwei Autounfälle mit Wildtieren innerhalb von zwei Wochen, die sie verdrängt und trotz des Schocks danach weitermacht wie immer. Doch dann kommen plötzlich Panikattacken. Autofahren wird immer mehr zur Qual, und sie muss sich regelrecht zwingen, einzusteigen. Es wird schließlich so schlimm, dass sie eines Morgens einsehen muss, dass es nicht mehr geht. „Ich hab meinen Mann angeguckt und gesagt: ’ich kann nicht fahren. Ruf an und sag Bescheid“. Sabine nimmt sich notgedrungen eine Auszeit, will aber im Januar 2017 unbedingt wieder arbeiten gehen.

Doch dann kommt alles anders. Im Januar stirbt ihr Bruder Hilmar an einem Herzinfarkt auf Mallorca, und Sabine ist am Boden zerstört. An Arbeit ist nicht mehr zu denken. Sabine schluckt, als sie das erzählt, denn sie und ihr Bruder standen sich sehr nah. Ihre Liebe füreinander haben sie erst im Erwachsenenalter entdeckt, als Hilmar gegen den Willen der Mutter den Kontakt zu seiner Schwester wieder aufgenommen hatte. Da er jedoch auf Mallorca lebte, konnten sie sich nur selten sehen.

Der Tod ihres Bruders macht Sabine so sehr zu schaffen, dass sie sich überwindet und ihre Mutter anruft, weil sie mit ihr über ihren Bruder sprechen möchte. Das Gespräch wird zum Fiasko, weil es der Mutter nur darum geht, Geld für die Beerdigung einzufordern. Das ist zu viel für Sabine, die das Gespräch wütend abbricht.

Die Mutter bestimmt schließlich allein, wann und wie die Verbrennung stattfindet und wo die Asche ins Mittelmeer gestreut werden soll.  Hilmar hatte sich eine Seebestattung gewünscht. Die Mutter informiert weder Hilmars Lebensgefährtin Susan,noch Sabine und lädt beide nicht zur Trauerfeier ein. Bis heute erträgt Sabine den Gedanken nicht, dass sie sich nicht von ihrem Bruder verabschieden konnte. Das ist der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt. „Das werde ich meiner Mutter niemals verzeihen. Zu ihrer eigenen Beerdigung werde ich nicht gehen.“

Die Angst überwinden

Seit dem Tod ihres Bruders geht es Sabine schlecht. Sie hat Angst in geschlossenen Räumen, kann keine längeren Strecken mehr mit dem Auto fahren und die alltäglichsten Dinge werden zur Herausforderung. Selbst eine Straße mit Kurve oder einer Steigung kann Panikattacken auslösen, weil Sabine nicht sehen kann, was hinter dem Hügel oder hinter der Kurve kommt. Sie ist deshalb krankgeschrieben und hat eine Reha gemacht, aber gut geht es ihr immer noch nicht.

Nur, wenn sie von ihrem Mann Jürgen spricht, ist ihr altes Strahlen wieder da. Man spürt die tiefe Liebe, die sie für ihn empfindet. Sie möchte es beschreiben, kann es aber gar nicht richtig in Worte fassen. „Mein Mann ist so liebenswürdig. Er ist lieb, der ist kuschelig, der – ich weiß es nicht,“ Sabine bricht ab und lacht aus vollem Herzen.

Solange er für sie da ist, wird sie das Lachen trotz aller Rückschläge nie verlernen. Vielleicht traut sie sich dann eines Tages sogar, mit dem Flugzeug nach Australien zu fliegen. Dort lebt seit sechs Jahren ihr Sohn Dominik mit seiner Frau, den sie nur sehr selten sehen kann. Das ist ein Herzenswunsch von ihr, den sie bislang nicht erfüllen konnte, zu stark ist ihre Angst, im Flugzeug eingeschlossen zu sein.

Was ihre Mutter betrifft, so hat Sabine ihr einen Brief geschrieben. Einen langen Brief, der all die Verletzungen aufführt, die sie durch sie erfahren hat. Sie erkennt ihr darin das Recht ab, sich „Mutter“ oder „Oma“ zu nennen. Denn das war sie nie. Der Brief ist der Schlussstrich einer Beziehung, die nie wirklich existiert hat. „Mir geht es seitdem deutlich besser,“ sagt Sabine. Die Frau, die früher ihre Mutter war, braucht sie schon lange nicht mehr.

Sabine Zinc trifft man in Schöningen bei Helmstedt oder auf Facebook.

Immer dabei: ihr Mann Jürgen (ein echter Hohen Neuendorfer) und Hund „Uschi“ (ein „reinrassiger“ Pudel-Malteser-Mix). 

Peter Lüder

Jahrzehnte lang spielte oder inszenierte Peter Lüder (52) Theater. Nach der Geburt seiner Tochter und einem schweren Unfall, bei dem er ein Bein und fast sein Leben verlor, krempelte er sein Leben um. Heute arbeitet Peter als Rhetoriktrainer, Vortragsredner und Präsentationscoach in Berlin.

Peter Lüder wohnt in Berlin-Kreuzberg in einer Altbauwohnung direkt am belebten Mehringdamm. Hier bereitet er seine Seminare vor oder empfängt Kunden, die sich von ihm coachen lassen. Die Wände seines hellen Arbeitszimmers hängen voll mit Metaplanpapier, Notizzetteln, Fotos. In der Ecke lehnen Krücken.

„20 Jahre lang war Theater für mich das Wichtigste – die Nummer eins.“ Peter wirkt durch und durch authentisch, wenn er spricht. Seine Sätze lassen den Berliner durchscheinen – keine geschliffene Rhetorik, sondern Humor, breites Lachen und viele „ähms“, wenn er kurz nachdenkt. So entspannt wie er jetzt in einem knallroten Sessel sitzt und witzelnd über sein Leben erzählt, kann man sich nicht vorstellen, dass es ausgerechnet die Schüchternheit gewesen sein soll, die Peter Lüder anfangs zum Theater brachte.

Und doch mochte Peter sich in der Schulzeit selbst nicht. Er wird ständig rot, schämt sich für vieles und möchte das gleichzeitig gern ändern. Er will wissen, wer er eigentlich ist und was ihn antreibt. Zu der Zeit überlegt er, Psychologie zu studieren. Letztendlich entscheidet sich Peter Lüder aber für ein Studium der Theaterwissenschaften an der Freien Universität Berlin. Sein Vater bezahlt ihm zusätzlich Schauspielunterricht, weil er hofft, dass sein in sich gekehrter Sohn dadurch Vorteile bei Bewerbungsgesprächen hat. Dass Peter einmal auf der Bühne stehen wird, glaubt er keine Sekunde.

Doch Peter entdeckt die Freunde am Theater, nimmt Tanz- und Sprechunterricht, spielt in Laiengruppen. Er schreibt sogar ein erstes eigenes Stück, von dem er lachend sagt, es sei glücklicherweise verschollen. Nach zwei Jahren Studium und Schauspielunterricht fährt er 1988 kurzentschlossen zu einem Theatervorsprechtermin in die Schweiz. Das Städtebundtheater in Biel/ Solothurn engagiert ihn von der Stelle weg, und aus der Selbsttherapie wird plötzlich Beruf. „Ich war 22, sah aus wie 15 und sah auch noch gut aus. Das half mir dabei, engagiert zu werden.“ Dies allein reicht natürlich nicht, um am Theater erfolgreich zu sein. Hinzu kommen harte Arbeit, Leidenschaft und der ein oder andere Zufall. So sitzt bei der Premiere seines ersten Stückes (Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“) ein Intendant im Publikum, der ihn für sein Sommertheater engagiert. Es folgen Engagements an verschiedenen Theatern in Deutschland und der Schweiz. „Am Anfang war es vor allem Talent und mein Typ, der sich verkauft hat. Und dann hat es eine ganze Weile gedauert, bis ich aus heutiger Sicht sagen würde, dass ich den Beruf richtig konnte.“

“Das war wie von null auf hundert”

Sehr schnell wird Peter Lüder klar, dass er selber als Regisseur Stücke inszenieren möchte. Neben seiner Schauspieltätigkeit übernimmt er daher immer wieder Regiehospitanzen und -assistenzen bei unterschiedlichen Regisseuren. Den endgültigen Ausschlag gibt die Zusammenarbeit mit Peter Zadek am Berliner Ensemble für „Antonius und Cleopatra“, bei dem er 1994 hospitiert. Doch der Weg zum Engagement als Regisseur ist schwierig. Also schafft sich Peter die Chancen selbst, indem er 1994 damit beginnt, in der freien Berliner Theaterszene Stücke zu produzieren und zu inszenieren. Das Geld dafür verdient er als Schauspieler an verschiedenen Theatern wie z. B. in Zürich oder München. In vier Jahren stellt er als Regisseur parallel zu seiner Schauspieltätigkeit acht Produktionen auf die Beine, darunter Stücke von Molière, Wolfgang Bauer, Shakespeare und eigene Dramatisierungen. „Ich war sehr fleißig, denn ich wollte das unbedingt schaffen.“ Als er 1998 „Leonce und Lena“ von Georg Büchner auf die Bühne bringt, wird er vom Staatstheater Dresden entdeckt und engagiert. „Da war ich plötzlich Staatstheaterregisseur und das war dann wie von null auf hundert.“

Peter, der den Rausch des Theaters liebt, richtet sein Leben komplett danach aus. Bis 2007 schafft er fast vierzig Inszenierungen, ist ständig unterwegs zwischen Berlin und den verschiedenen Städten, in denen seine Stücke laufen. Zum ersten Mal stellt er dieses Leben ernsthaft in Frage, als seine Tochter Lavinia 2004 geboren wird. Es läuft zwar beruflich hervorragend für Peter, aber die Kehrseite seines Erfolgs ist deutlich: seine Familie sieht er nur am Wochenende.

“Mit Menschen quatschen und arbeiten, dit kannste“

Das macht ihm immer mehr zu schaffen, denn Lavinia sieht in ihm einen Fremden, wenn er samstags nachhause kommt. „Sie ließ sich nicht von mir auf den Arm nehmen. Als sie sich am nächsten Tag wieder an mich gewöhnt hatte, musste ich schon wieder zurück an irgendein Stadttheater in irgendeiner anderen Stadt.“ An diesem Punkt wünschte sich Peter plötzlich nicht mehr, erfolgreich zu sein. „Ich erinnere mich noch daran, wie mir ein Intendant anbot, ein Stück zu inszenieren und ich innerlich dachte, scheiße, dann bist du schon wieder sieben Wochen weg.“

Ab diesem Moment sucht Peter intensiv nach einem zweiten Beruf neben dem Theater. Er stößt auf das Thema Coaching und liest sich darin ein. Er merkt, dass ihm das liegen würde. Peter fasst diesen wichtigen Wendepunkt in seinem Leben mit einem Augenzwinkern und im Berliner Dialekt zusammen: „Mit Menschen arbeiten und quatschen, dit kannste. Und wenn jemand Probleme hat, dann ordneste die. Dit könnte gehen.“

Doch wie wird man Coach? Durch Zufall entdeckt Peter eines Morgens in seiner Tageszeitung die Ausschreibung des Berliner Bildungsträgers „Forum Berufsbildung“ für den Ausbildungsgang „Bewerbungscoach“. Kurzentschlossen stellt er sich vor und wird sofort angenommen. Bis Ende Februar 2007 will Peter noch eine letzte Inszenierung in Hamburg abschließen, um dann direkt mit der Ausbildung in Berlin zu beginnen.

Die Premiere für das Stück findet an einem Sonntagabend statt. Direkt danach macht sich Peter auf den Weg zurück nach Berlin. Gemeinsam mit seiner Freundin Nina und einem Freund fährt er gegen ein Uhr morgens im VW-Caddy aus Hamburg los. Peter legt sich hinten auf die Liegefläche des Kastenwagens, um zu schlafen. Um drei Uhr morgens läuft ein Tier über die Straße, der Fahrer verreißt das Steuer, und der Wagen rast in die Mittelleitplanke. Peter wird bei 100 km/ h aus dem Wagen in die Leitplanke geschleudert und sehr schwer verletzt. Sein Leben hängt am seidenen Faden.

“Ich wollte mein Leben so schnell wie möglich zurück“

Zehn Tage lang liegt Peter im Koma. Als er erwacht, ist sein linkes Bein oberhalb vom Knie amputiert und sein rechtes zwischen Knie und Knöchel zertrümmert. Zusätzlich hat er zahlreiche andere gefährliche Verletzungen wie einen Halswirbelbruch und ein Schädel-Hirn-Trauma.

Peter braucht eine Weile, um zu realisieren, was tatsächlich passiert ist. Sein Hirn funktioniert irgendwann wieder, aber der Unfall und die Folgen bleiben mehrere Wochen irreal. Peter versteht nicht, dass sein Bein weg sein soll, dass er nicht mehr normal laufen kann. Es kribbelt doch, also muss es doch noch da sein! Doch sein Lebenswille ist sehr stark, so dass er diese neue Situation schon bald als Herausforderung betrachtet, der er sich stellen will. „Ich wollte mein Leben so schnell wie möglich zurück.“

Peter Lüder ertrotzt erst eine Verlegung von Schwerin nach Berlin und will schließlich nach nur fünfeinhalb Wochen und entgegen dem ärztlichen Rat und dem Rat seiner Familie nachhause. Sein Vater versucht zwar, ihn dazu bringen, eine neue Wohnung zu suchen. Aber das kommt für Peter nicht in Frage. „Ich hatte doch schon mein Bein weggegeben, da gebe ich doch nicht auch noch mein Zuhause weg.“ Nach einem eintägigen Rollstuhltraining im Krankenhaus kommt er endlich zurück in seine Wohnung in Berlin-Kreuzberg. „Da saß ich dann hier oben in meinem Rollstuhl im Adlerhorst ohne Fahrstuhl. Aber es war absolut richtig, zuhause zu sein.“

Doch der Alltag in der Altbauwohnung ist nicht einfach. Duschen geht nur mit Unterstützung der mobilen Pflege und im etwas größeren Bad der Nachbarn. Er selbst kann nicht mithelfen, da er sein rechtes Bein noch nicht belasten darf. Auch seine Freundin übernimmt nun viele zusätzliche Aufgaben. „Nina war immer da mit unglaublichem Einsatz, erledigte alle Einkäufe und trug die kleine zweijährige Lavinia noch dazu. Sie hat mich mit ihrer Liebe durch eine wirklich harte Zeit begleitet.“ Man spürt, wie stark die Verbindung auch heute noch ist, obwohl beide mittlerweile getrennt leben. „Nina ist die Mutter meiner Tochter. Sie saß damals mit im Unfallauto. Wenn sie mich in der Nacht nicht auf der Autobahn gefunden hätte, wäre ich jetzt tot“, sagt Peter mit starr nach unten gerichtetem Blick. Er trinkt einen großen Schluck Kaffee, bevor er weiterspricht. „Auch meine Freunde haben mich sehr unterstützt.“ Sie tragen Peter huckepack die Treppen hinunter, da es keinen Fahrstuhl gibt. „Am meisten beeindruckt hat mich Boris, der Steinmetz. Der ist mit seinen 1,70 m zwar nicht groß, hat mich aber vollkommen leichtfüßig rauf und runtergetragen und wollte danach noch nicht mal ein Glas Wasser“, sagt Peter und lacht laut.

Aber Peter will unbedingt wieder gehen können. Sein Wunsch nach Autonomie ist so stark, dass er es schafft, nach nur vier Monaten  mit der Prothesenversorgung zu beginnen. Er lernt ein zweites Mal in seinem Leben laufen. Erst in der Gangschule des Unfallkrankenhauses Berlin, dann ohne Krücken, schließlich selbstständig.

“Meine Persönlichkeit war dieselbe geblieben“

Sechs Monate nach dem Unfall beginnt er die Ausbildung zum Bewerbungscoach. Den Weg dahin hat er sich mühsam zurück erkämpft und schafft es nun nach und nach trotz vieler Rückschläge, wieder Selbstvertrauen zu gewinnen und sich selbst zu akzeptieren. Die Freude am Leben ist letztendlich groß wie zuvor. „Ich hatte mich nicht wirklich verändert. Äußerlich sah ich etwas anders aus, doch meine Seele, meine Persönlichkeit war dieselbe geblieben. Ich wollte immer noch ein schönes Leben führen, immer noch fröhlich sein, immer noch mit Menschen zusammen sein und ihnen etwas geben.“

Drei Monate lang lernt er intensiv Didaktik und Methodik in Verbindung mit Elementen des Coachings, um als Bewerbungstrainer arbeiten zu können. Nach Ende der Ausbildung wird er direkt vom Bildungsträger als Trainer übernommen. Eineinhalb Jahre lang arbeitet er dort und bildet Langzeitarbeitslose und auch Jugendliche weiter.  „Ich habe alles durch die Bank gemacht – von Kommunikation über Bewerbung, Moderation und Konflikt.“ Es macht ihm Spaß. Doch er merkt, dass das noch nicht alles ist, möchte sich weiterentwickeln. „Ich wusste, ich muss das Trainerdasein zusammenbringen mit meinem Theaterhintergrund, aber fand keine Bezeichnung dafür. Theatertrainings für normale Menschen gibt es ja nicht.“

Die Verbindung entdeckt er schließlich unter dem Titel „ Rhetorik“. Peter bietet daraufhin sehr erfolgreich im Forum Berufsbildung erste „Rhetoriktrainings“ an.

“Ich hätte es ja auch völlig in den Sand setzen können”

Auch mehrere private Hochschulen beauftragen Peter Lüder als Dozenten, obwohl er nie einen Uniabschluss gemacht hat. Dafür bringt er aber geballte Kompetenz aus dem Theaterleben mit. Bei der Makromedia – Hochschule für Medien wird Peter für ein ganzes Semester für Moderation, Rhetorik und Präsentation beauftragt, was ihn freut, aber auch überrascht. „Ich dachte – ok, ich bin ja ein sympathischer Typ, aber die wussten ja nüscht von mir. 2010 hatte ich nicht viele Referenzen außerhalb des Forum Berufsbildung. Ich hätte es ja schließlich auch völlig in den Sand setzen können.“ Doch das Semester wird ein voller Erfolg. Die Studierenden sind begeistert – das Vertrauen in Peter zahlt sich aus.

Auch die Evangelische Hochschule Berlin (EHB) möchte ihn unbedingt haben und erfindet eine Sonderregelung nur für ihn, denn eigentlich hätte er einen Hochschulabschluss gebraucht, um dort als Dozent arbeiten zu können. Peter erzählt grinsend, dass er letztendlich nur die Bestätigung über den Abschluss seines Grundstudiums der Theaterwissenschaften vorlegen konnte.

Ende 2010 hat Peter Lüder es geschafft. Er ist endlich in Berlin und verdient regelmäßig Geld. Beim Theater hatte er bislang von Stückverträgen gelebt, die hochgerechnet auf die Vorbereitungs- und Umsetzungszeit eher niedrig ausfielen. Peter ist jedoch noch nicht am Ziel, denn er möchte noch mehr mit seinem Theaterhintergrund arbeiten. Als Schauspieler und Regisseur kann er Menschen bei Reden und Vorträgen unterstützen – sei es beim Umgang mit Lampenfieber oder beim dramaturgischen Aufbau. Daher knüpft er parallel Kontakte zu Firmen, wo genau diese Unterstützung häufig gebraucht wird.

2011 wird Peter zum „Trainertag“ von Daimler nach Stuttgart eingeladen und nach einem langen Bewerbungsgespräch tatsächlich in den Trainer-Pool aufgenommen und coacht Führungskräfte für ihre Auftritte. Später kommen weitere große Unternehmen hinzu. „Was ich früher für eine ganze Regiearbeit bekam, verdiente ich jetzt in fünf oder sechs Tagen. Ich war vollkommen geflasht.“

Doch Peter Lüder arbeitet neben dem Coaching noch an weiteren beruflichen Perspektiven. Bereits 2010 hatte er die „Berliner Redekurse“ gegründet, um dort offene Rhetorikkurse für Anfänger und Fortgeschrittene anzubieten. Er merkt, wie sehr es ihn motiviert, wenn Menschen wirklich etwas lernen wollen. Bei seinen Seminaren kann Peter seine Erfahrungen als Schauspieler und Regisseur perfekt mit seiner Trainererfahrung verknüpfen.

“Man muss sich trauen zu tun, was einem am Herzen liegt”

Eine weiteres Projekt, das Peter erfolgreich „nebenbei“ stemmt, ist sein 2014 im Redline-Verlag erschienenes Buch „Wie würde Johnny Depp präsentieren – Was Sie von Schauspielern für Ihren Vortrag lernen können“. Darin vermittelt er sein Wissen auf gut lesbare, humorvolle Art und Weise.

Peter würde vielleicht sagen, er sei eben „sehr fleißig“ gewesen. Doch dahinter steckt viel mehr. Es ist der innere Drang und vor allem die Fähigkeit, auf die eigene Intuition zu hören. Wo andere sich sagen „geht ja doch nicht“, krempelt Peter die Ärmel hoch und legt los. Er lässt sich nicht treiben, sondern gestaltet sein Leben so, dass es sich für ihn richtig anfühlt. „Ich habe über Jahre sehr hartnäckig daran gearbeitet, mit mir ins Reine zu kommen. Das war mein eigentlicher Antrieb durch alles. Man muss sich trauen zu tun, was einem am Herzen liegt. Dann schafft man auch die harten Momente.“

Mittlerweile ist aus den Berliner Rednerkursen eine „Ausbildung zum Redner und Speaker“ geworden, in denen Peter Menschen zu professionellen Vortragsrednern ausbildet. Aufgrund seiner Theaterexpertise erkennt Peter ganz genau, was seine Kunden brauchen, um echte Bühnenpersönlichkeiten zu werden und das Publikum zu begeistern. Sein Angebot ist in dieser Form einzigartig in Deutschland.

“Die Arbeit der letzten Jahre scheint aufgegangen zu sein”

Seit 2015 kann man über www.peterlueder.de diesen Kurs buchen, der über drei Wochenenden läuft und am vierten Wochenende in Form einer Veranstaltung mit zahlenden Zuschauern endet. „Wenn ich Redner trainiere, dann arbeiten wir immer an der Persönlichkeit. Das war schon bei der Schauspielerei so. Immer, wenn jemand auf der Bühne steht, scheint die Persönlichkeit stark durch. Und das ist beim Reden genau das gleiche.“ Dann bringt es Peter auf den Punkt und sagt: „Als Trainer wirst du für dein Thema gebucht, aber als Speaker für deine Person.“

Zum fünften Mal hat Peter die „Speakerausbildung“ bereits durchgeführt. Dabei macht er genau das, was er immer wollte: Er arbeitet intensiv mit den Menschen und kitzelt als Trainer aus ihnen heraus, welche Geschichte sie erzählen wollen. Als Drehbuchautor erarbeitet er mit ihnen eine fesselnde Dramaturgie; mit dem Schauspieler lernen sie, wie man sich auf der Bühne bewegt und mit dem Regisseur proben und optimieren sie ihren Auftritt. Peters komplettes bisheriges Berufsleben wird hier gespiegelt und macht ihn mit seinen Theaterwurzeln im undurchsichtigen Trainerdschungel zu etwas Besonderem.

Seit einigen Jahren steht Peter wieder öfter selbst als Redner und Key-Note-Speaker auf der Bühne. Seine Vorträge „Glück trotz Rückschlag“ oder auch „Wie würde Johnny Depp präsentieren“ sind Mutmacher, voller Humor und daher gut gebucht. Auch seine Kurse und Coachings laufen sehr gut. „Ich bin jetzt an einem Punkt, dass ich sogar Dinge absagen muss. Das ist sehr luxuriös und ungewohnt für mich. Die Arbeit der letzten Jahre scheint aufgegangen zu sein.“

Doch Stillstand gibt es natürlich nicht bei Peter. Sein Konzept hat er schon wieder um weitere Ideen ergänzt. Er wird offene Workshops für Absolventen seiner Rednerkurse und für weitere Interessenten anbieten. Ein erstes Sommercamp mit Improtheater und Vorträgen von verschiedenen Experten rund um den Rednerberuf hat er bereits durchgeführt – Fortsetzung folgt.

Demnächst in diesem Theater.

Kontakt:

Peter Lüder
Mehringdamm 77
10965 Berlin
Tel: 0176 4020 3141

Hendrik Liersch

Einst Bausoldat und Möbeltischler in der DDR – heute Verleger,  Buchdrucker und Autor. Der Berliner Hendrik Liersch (55) hat sich nach der Wende bewusst für einen beruflichen Weg entschieden, den er in der DDR nie hätte gehen dürfen. Kompromisslos verlegt und druckt Hendrik heute nur Texte und Grafiken, die er selber mag. Den Staat um Erlaubnis fragen muss er nicht mehr. 

Die Druckerei von Hendrik Liersch liegt in einem Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. Kein Schild weist darauf hin, nur Eingeweihte wissen, wo sie klingeln müssen. „Sonst komm ick hier nich zum Arbeiten“, kommentiert Hendrik trocken und gießt sich eine Tasse schwarzen Kaffee ein. Gedruckt wird, was ihm gefällt und in einer Form, die aus jedem Buch ein kleines Kunstwerk macht. Mit alten Druckmaschinen, per Handsatz oder Maschinensatz und auf unterschiedlichsten Papieren entstehen individuelle Künstlerbücher in vielen Formaten. Sammler und ca. 200 Universitätsbibliotheken aus aller Welt sichern sich regelmäßig die schönsten Exemplare.

Hendrik sitzt zusammen mit seinen beiden Druckereipartnern Harald und Dieter im Schatten einer alten Eberesche und genießt ganz offenbar den Augenblick. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und Jeans, und hinter den ovalen Gläsern seiner  Metallbrille wandern seine Blicke hin und her, während er erzählt.

Gezeugt in Ahrenshoop

„Ich bin am 11. April 1962 in der Berliner Charité in der Tucholskystraße geboren und im Sommer 1961 in Ahrenshoop gezeugt“, sagt Hendrik. „Meine Mutter hat mir mal das Haus gezeigt, aber ich durfte nicht klingeln und mir auch das Zimmer angucken, obwohl ich sehr neugierig darauf war.“ So wie Hendrik davon erzählt, merkt man, dass es ihm als Kind schwergefallen sein muss, diese von außen gesetzte Grenze zu akzeptieren. Akzeptieren, was ihm nicht richtig erscheint – das geht nicht so ohne Weiteres. Das gilt auch für die Mauer, die seine Heimatstadt in Ost- und Westberlin teilte und die Bewohner willkürlich über Nacht zu Ossis und Wessis machte. Hendrik fühlte sich von Anfang an als Gesamtberliner: „Nur meine Heimatstadt hinkte hinterher und war noch geteilt.“ Durch seinen Vater, den Literaturkritiker und Schriftsteller Werner Liersch hat er auch Zugang zu West-Publikationen. „Ich habe schon immer Bücher und Magazine wie Spiegel und Stern gelesen und als kleines Kind bei uns zuhause die Schöpfer von Literatur aus Ost und West kennengelernt,“ sagt Hendrik. Was er auch lernt: Nicht jeder, der in der DDR etwas veröffentlichen möchte, darf dies auch tun.

Notfallpapa statt Alltagsvater

Als Hendrik vier Jahre alt ist, zieht er aus Neugier einen Bildband aus dem unteren Regal im Arbeitszimmer seines Vaters. Es ist ein Buch über Auschwitz und enthält verstörende Fotos von ausgemergelten Menschen, Haaren, Brillen, Toten. Diese frühe Begegnung mit der grausamen Geschichte des zweiten Weltkriegs hinterlässt einen tiefen Eindruck bei ihm und trägt dazu bei, dass Hendrik später alles Totalitäre ablehnt. Der schockierende Anblick führt damals dazu, dass er eine ganze Woche lang kein Wort mehr spricht. Seine Eltern sind besorgt, denn das Sprechen hatte er sowieso sehr spät begonnen. Hendrik musste erst Vertrauen fassen zur Welt, ihr eine Weile zuhören. Ein „erstes Wort“ sagt er nicht. Er beschloss einfach irgendwann, gleich in ganzen Sätzen zu kommunizieren. Das Verhältnis zu seinem Vater ist schwierig. Als bekannter Schriftsteller, der sogar in den Westen reisen darf, hat der wenig Zeit für seine Kinder Hendrik und Cornelia und Christine – die beiden älteren Geschwister von Hendrik. Als sich seine Eltern dann letztendlich scheiden lassen, leidet er – damals 9 Jahre alt – sehr darunter. „Ich hatte nie einen Alltagsvater, sondern immer nur einen „Notfallpapa“, sagt Hendrik. „Ich lernte früh, mich hauptsächlich auf mich selbst zu verlassen.“

Es ist wichtig zu wissen, was man nicht will

Wenn Hendrik heute erzählt, ist es schwer ihm zu folgen. Er gibt keine Antworten, sondern erzählt Geschichten. Verknüpft eine Episode seines Lebens mit einer anderen und vertraut darauf, dass der Zuhörer den Kreis schließen kann. Nicht immer möchte er alles sagen. Wie seine jetzige, zweite Frau Karen mit Nachnamen heißt zum Beispiel oder wie das Hotel heißt, das sie leitet. Dabei ist das natürlich schnell recherchiert. Offenbar wählt er mit Bedacht, was er preisgeben möchte und was nicht. Ähnlich geht er beim Drucken vor. Er weiß nicht, wieviele Bücher er schon gedruckt hat, aber das ist ihm egal. „Viel wichtiger ist doch, was ich nicht drucke“, sagt Hendrik. „Als Mensch ist es wichtig zu wissen, was du nicht willst“. Und das weiß Hendrik ganz genau und richtet sein Leben nach diesen Grundprinzipien aus. „Wenn du im Alter krank wirst, kannst du alles laufen lassen oder du kannst die Dinge steuern. Du entscheidest, ob du der verwirrte alte Mann sein willst oder ob du dir einen Waffenschein besorgst wie Gunter Sachs.“ Dabei hat Hendrik sein Leben lang Waffen abgelehnt. Bis heute geht er ausschließlich zu westdeutschen oder weiblichen Ärzten, weil er sicher sein will, dass sie keinen Militärdienst an der Berliner Mauer geleistet haben. „Ich möchte keinen Arzt haben, der an der Mauer geschossen hat. Wer studieren wollte, wurde ja vom Staat oft genötigt, drei Jahre an der Grenze zu dienen.“

Hendriks schwerster Kompromiss

Es scheint für Hendrik unerträglich, wenn andere ihn zwingen wollen, gegen seinen eigenen Willen zu handeln. Und doch musste er einmal den wohl schwersten Kompromiss seines Lebens eingehen. Als er als überzeugter Pazifist zur Nationalen Volksarmee (NVA) einberufen werden soll, steht er vor der Entscheidung, gegen seine Prinzipien zu handeln oder als Totalverweigerer für Jahre ins Militärgefängnis zu gehen. Da er weiß, dass er das Gefängnis aus psychischen Gründen nicht überleben würde, geht er den Weg des Bausoldaten – ein Wehrersatzdienst ohne Waffe, aber dennoch in Uniform bei der NVA. Bausoldaten standen auf der untersten Stufe der militärischen Hierarchie und waren Diskriminierungen und Repressalien ausgesetzt. Als Zwangsarbeiter füllten sie Lücken, wo Arbeitskräfte fehlten und mussten unter oft verheerenden  Arbeitsbedingungen schuften. Im Extremfall in den Chlordämpfen der Stahl- und Chemieindustrie z.B. in Merseburg. Nach der Bausoldatenzeit war ihnen dann zudem der Zugang zu vielen Berufen und zum Studium verwehrt. Hendrik bereitet sich auf die bevorstehenden Monate Zwangsaufenthalt und Fremdbestimmung mental vor, in dem er sich Unterstützung von seinem Freund Georg holt, der das Konzentrationslager Buchenwald überlebt hat. „Er sagte zu mir, du musst einfach gucken, dass du dich als Pflanze betrachtest und versuchst, da Wurzeln zu schlagen. Er meinte damit, ich solle mich darauf konzentrieren, was ich trotz der Situation noch machen kann – nicht darauf, was nicht mehr möglich ist“.

Bausoldat auf Rügen

1987 wird Hendrik als Bausoldat für Rügen einberufen kurz nachdem er geheiratet hat. „Sie wollten dich immer aus irgendwas rausreißen“, sagt Hendrik. „Kaum hattest du deine Ausbildung abgeschlossen oder als Künstler ein Engagement an einem Theater oder in einem Orchester erhalten, musstest du plötzlich innerhalb von einer Woche dein Leben komplett umkrempeln und zur Armee.“ Die Bausoldaten sind im durch die Nazis errichteten kilometerlangen KdF-Bau („Kraft durch Freude“) in Prora untergebracht. Er liegt parallel zum Strand und ist der größte Bausoldaten-Standort der DDR. 500 Bausoldaten sind dort als Teil von drei regulären Kompanien von insgesamt 15.000 Mann in Prora untergebracht.

Für 18 Monate sind die Soldaten jeweils zu sechst in 20-Quadratmeter-Zimmern einquartiert – ohne jegliche Privatsphäre. Der zwölfstündige Arbeitstag beginnt jeden Morgen um viertel vor vier und verlangt ihnen alles ab, wenn sie mit Spitzhacken und Schaufeln statt mit unterstützender Technik den Fährhafen Mukran bauen. Hendrik besinnt sich auf den Rat seines Freundes und konzentriert sich auf das, was gut ist. „Ich habe keinen einzigen Sonnenaufgang versäumt und dem Meeresrauschen zugehört“, sagt Hendrik und lächelt.  „Abends habe ich dann gelesen – zum Beispiel ,der Mann ohne Eigenschaften’ von Robert Musil, den ich innerhalb von drei Wochen durch hatte. Wo kannst du das sonst im normalen Leben?“

Nackt und vorgeführt

Dann geschieht etwas, worauf sich Hendrik nicht vorbereiten konnte: Seine Frau will sich von ihm trennen. Eingesperrt in der Kaserne und ohne Telefon, kann Hendrik weder zu ihr fahren noch mit ihr sprechen. Es stürzt ihn in eine tiefe Krise, dass man ihn nicht um seine Ehe kämpfen lässt. Er fühlt sich ausgeliefert und merkt, dass er dringend Hilfe braucht, weil er Selbstmordgedanken hat. Mitten in der Nacht versucht er, einen Militärarzt zu finden. Letztendlich wird er einem diensthabenden Orthopäden vorgeführt , der ihn nackt auf und ablaufen lässt. „Der hat dann erkannt, dass ich für zwei Wochen auf die geschlossene Abteilung gehöre“, sagt Hendrik, und es klingt sarkastisch. „Da durfte ich dann rumlaufen mit meinen schwarzen Halbschuhen ohne Strümpfe und in einem OP-Hemd bis zum Bauch, keine Unterhose kein nüscht. Das war Schikane oder wir waren einfach unwichtig für die“, sagt Hendrik.

Die Einweisung in die geschlossene Abteilung und ein von ihm veranlasstes Gespräch mit dem Standort-Kommandeur von Prora führen dazu, dass man Hendrik für die letzten Monate in Ruhe lässt. „Ich hatte plötzlich Narrenfreiheit,“ sagt Hendrik. „Die dachten, der hat sowieso ´ne Macke“.

Über die Zeit auf Prora hat Hendrik ein kleines Buch geschrieben und gedruckt (Ein freiwilliger Besuch – als Bausoldat in Prora, Corvinus Presse, 1997). Auch war er Mitbegründer des Vereins „Förderkreis Bausoldaten Prora e.V.“ und hat als Zeitzeuge in Schulen über seine Bausoldatenzeit gesprochen. Er wollte einerseits selbst das Thema verarbeiten und andererseits auch dafür sorgen, dass dieser Teil der DDR-Geschichte nicht komplett in Vergessenheit gerät. Auch ist er einer der wenigen, der einige Jahre später noch einmal zu den Ruinen in Prora zurückgekehrt ist, um für sich selbst einen Schlussstrich zu ziehen. Viele der einstigen Kameraden konnten das bis heute nicht.

Druckfreiheit

Mit der Wende steht Hendrik Liersch die Berufswelt offen. Er könnte sein Abitur nachmachen, studieren, Architekt werden oder auch in seinem gelernten Beruf des Möbeltischlers einen Meister machen. Doch diese Wege interessieren ihn nicht. Es muss ein Beruf sein, den er in der DDR niemals hätte wählen können: Verleger und Drucker. So gründet Hendrik 1990 den Einmannverlag Corvinus Presse (Corvinus = der kleine Rabe). Der Name ist eine Hommage an den Verleger und Schriftsteller Victor Otto Stomps, der 1926 den Verlag „Die Rabenpresse“ gegründet hatte. Im dritten Reich bot dieser Freiraum für Künstler, deren Werke von den Nationalsozialisten abgelehnt und teilweise sogar verbrannt worden waren. Hendrik Liersch sieht sich in dessen Tradition – sowohl in Bezug auf die hohe handwerkliche Qualität als auch der politischen Komponente. So gehören zu Hendriks Künstlerbüchern u.a. Werke von Henryk Bereska (Mitunterzeichner der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann) und Peter Will, der für regimekritische Gedichte drei Jahren lang in der DDR inhaftiert war.

Oft sind es auch Zufälle kombiniert mit Sympathie, die ein Kunstprojekt hervorbringen. 2005 führten drei Stunden Unterhaltung in der Warteschlange zur Goya-Ausstellung vor der Alten Nationalgalerie in Berlin zu zwölf Büchern mit dem Maler und Bildhauer Zoppe Voskuhl, mit dem er weiterhin regelmäßig eng zusammenarbeitet.

Respekt und Wertschätzung

Die Buchdruckkunst ist für Hendrik eine Herzensangelegenheit. Niemals würde er sich anbiedern, um einen wohlwollenden Artikel in einer Zeitung oder eine Erwähnung durch eine wichtige Persönlichkeit zu erreichen. „Es bringt mir nichts, wenn ein hochbezahlter Professor sagt „das ist aber ein schönes Buch“. Für ihn zählen die Sammler, die seine Drucke schätzen, sie kaufen und ein echtes Interesse an seiner Kunst haben. Hendrik mag sowieso vor allem Menschen, die wertschätzend und respektvoll mit ihm umgehen – egal wie nützlich er für sie ist. „Wenn ich auf Partys meine Ruhe haben will, dann sage ich nicht, dass ich Kunst drucke und Bücher mache, sondern, dass ich arbeitslos bin. Dann unterhalten sich viele nicht mehr mit dir, weil du plötzlich uninteressant bist.“

Gespräche führt Hendrik am liebsten mit viel Tiefgang: „Lieber ein intensives Gespräch mit einer Person auf dem Balkon, als Small Talk mit vielen im Partytrubel. Das ist nur Zeitvertrödelung, denn die wollen bloß herausfinden, ob du für sie nützlich bist.“

You can always print what you want

Genauso ist das mit der Kunst. Wenn ein Buch gut werden soll, braucht es intensive Auseinandersetzung und viel Zeit. Das ist einer der Aspekte, die den Verlag Corvinus Presse so besonders machen. Hendrik kümmert sich selbst um die Umsetzung und sorgt mit seinem geschulten Auge dafür, dass der künstlerische Inhalt mit den richtigen Farben, dem richtigen Papier und dem richtigen Format verbunden wird. „Ich habe dabei eine Ruhe und eine Kraft, die sich andere nicht gönnen. Ich will ja vermeiden, dass man kitschige Bücher in lila Einbänden macht.“ Die Gefahr besteht bei Hendrik Lierschs Verlag sicher nicht. Viele hundert Bücher hat er bereits gedruckt, und sie alle sind kleine Kunstwerke, die nur entstanden sind, weil Hendrik es so wollte. Ohne Schere im Kopf, ohne Einmischung von außen.

„Mein Motto ist you can always print what you want!“ sagt Hendrik lachend. Und er klingt frei als er den Rolling Stones Hit abwandelt.

Impressionen aus der Druckerei findet man auf Facebook.

Hendrik Liersch trifft man:

auf Facebook: https://www.facebook.com/CorvinusPresse/ 
im Internet: www.corvinus-presse.de
auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Hendrik_Liersch
auf der Messe: 13. BuchDruckKunst https://buchdruckkunst.com/die-messe/ – Erlesenes auf Papier im Museum der Arbeit, Hamburg (23. – 25. März 2018)

Kontakt:
corvinus@snafu.de

Auszeichnung:
2009 V. O. Stomps-Preis der Stadt Mainz für buchkünstlerische Leistungen

Susanne Feld

Susanne Feld (38) beschließt mit vier Jahren, in der Schule nur Einsen zu schreiben. Sie lernt Geige und Klavier, beginnt ein Studium und wäre fast Musiklehrerin geworden. Durch einen Aushang an der Uni wird sie neugierig auf Alexander-Technik, und nach wenigen Sitzungen ist sie ihre jahrelangen Schmerzen und Verspannungen in der Schulter los. Da beschließt sie, ihr Leben Schritt für Schritt umzukrempeln. Heute arbeitet sie als Alexander-Technik-Lehrerin, Gestalttherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Susanne sieht jung aus mit ihren kurzen lockigen Haaren und dem verschmitzten Lächeln, das eine kleine Zahnlücke erkennen lässt. Ihre lichtdurchflutete Einzimmerwohnung im vierten Stock eines Berliner Altbaus in Prenzlauer Berg spiegelt wider, was Susanne wichtig ist: viel Raum. „Ich habe mich nach und nach von unnützen Dingen getrennt. Ein langer, aber sehr befreiender Weg“, sagt Susanne und breitet lächelnd die Arme aus.

Susanne hat ein Talent dafür, mit wenigen Dingen eine Atmosphäre der Weite, Leichtigkeit und gleichzeitig Geborgenheit zu schaffen. Auch im Zentrum für Alexander-Technik, das sie 2008 in Berlin-Mitte mitbegründet hat, haben die Räume diese besondere Ausstrahlung. Susanne arrangiert dafür Steine, Vasen, Blumen und Äste oder schreibt mit einem japanischen Pinselstift geschwungene Worte auf Zettel: „Stille“, „Raum“, „ich habe Zeit“.

„Ich beobachte, dass alle Menschen sich nicht gut genug finden und sich anders haben wollen. Das ist physischer Stress. Ich schaffe für sie einen Rahmen, in dem sie sich wohlfühlen und so sein können, wie sie sind. So kann alles auftauchen, was in diesem Moment auftauchen will, aber ohne dass etwas verändert werden muss. So kann sich auch der Körper mit entfalten. Wenn ich dazu beitragen kann, dann bereitet mir das eine große Freude.“

Susanne Feld war selbst nicht immer so ausgeglichen und im Reinen mit sich. Sie wuchs im rheinland-pfälzischen Norheim mit zwei älteren Schwestern und einem älteren Bruder auf. In ihrer Familie spielten alle mindestens zwei Instrumente und so schien auch ihr Weg als Musikerin vorgezeichnet. Susanne lernte mit sechs Jahren zunächst Geige und später Klavier. „Ich dachte damals, es sei normal, dass man sich dabei quälen muss und es keinen Spaß macht.  Deshalb habe ich meinen Eltern jahrelang nicht gesagt, dass ich Angst vor meinem Geigenlehrer hatte.“ Vielleicht war es aber auch der tiefe Wunsch nach Harmonie, denn die war ihr als Kind und Jugendliche sehr wichtig. Um Streit mit ihren Eltern zu vermeiden, schwor sie zum Beispiel ihrer Mutter mit vier Jahren, dass sie später in der Schule nur Einsen schreiben würde. „Wenn ich da heute dran denke, könnte ich schreien“, sagt Susanne und schreit tatsächlich. Ein langgezogenes „aaaaahhhh“ bricht aus ihr heraus. Sie muss lachen.

“Erst, wenn die Schmerzen groß genug waren, war ich überzeugt, dass ich wirklich genug geübt hatte”.

„Es ist Wahnsinn, wieviel wir uns selbst unter Druck setzen, um anderen zu gefallen oder eigene Ansprüche zu erfüllen.“ Als Susanne 1999 an der Universität Mainz zum Musikstudium auf Lehramt angenommen wird, ist sie im Dauerstress. Das tägliche stundenlange Üben der verschiedenen Instrumente, lässt ihre Schultern erstarren und die Geige hinterlässt Flecken am Hals, wo das Instrument angelegt wird. „Es war paradox, denn ich war erst mit mir zufrieden, wenn die Schmerzen groß genug waren. Dann war ich überzeugt, dass ich wirklich genug geübt hatte.“

Letztendlich sind es genau diese Anspannungen und Schmerzen, die dazu führen, dass Susanne ihrem Leben eine andere Wendung gibt. An der Uni hört sie von einem Kontrabassisten, der starke Armprobleme hatte und nicht mehr spielen konnte. Erst mit Alexander-Technik wird er seine Schmerzen los und kann sein Studium fortsetzen. Als sie dann einen Aushang sieht, auf dem eine Alexander-Techniklehrerin Stunden für nur 15 DM anbietet, ist ihre Neugier geweckt. Sie weiß nicht, was sich hinter dem Begriff verbirgt, und niemand scheint es richtig erklären zu können. „Ich ging da hin und war schon nach der ersten Stunde begeistert. Plötzlich fühlte ich mich ganz anders in meinem Körper und meine Schultern lösten sich. Ich lernte, wie es geht, mich selbst mehr in Ruhe zu lassen und so mit mir umzugehen, dass weniger Spannung entsteht. Bei ganz einfachen Tätigkeiten, wie dem Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen unterstützt durch Berührung und Innehalten.“

“Da habe ich beschlossen, ich geh nach Berlin“.

Die Einzelstunden helfen ihr durchs Studium, doch Musiklehrerin will Susanne nicht mehr werden. Stattdessen beschließt sie 2005 nach dem ersten Staatsexamen, eine mehrjährige Ausbildung in Alexander-Technik zu machen, um anderen damit zu helfen. Bevor sie sich entscheidet, schaut sie sich verschiedene Ausbildungsklassen an. Als sie 2005 die Berliner Schule besucht, ist sie begeistert von der Stadt. „Es gab hier Brachen, breite Straßen und sehr viel Raum. Da habe ich beschlossen, ich geh nach Berlin.“

Dieser Entschluss erweist sich auch in musikalischer Hinsicht als eine gute Idee. Susanne ist zu dieser Zeit Teil des Duos „Erdbeerfeld“, in dem sie Geige spielt, singt und mit ihrem damaligen Mann Sascha auch Stücke komponiert. „Unsere Spezialität war, dass wir mit den Klängen vor Ort gespielt haben. Also zum Beispiel die Geräusche von Künstlern beim Malen oder Schnitzen oder von der Modedesignerin beim Schneiden von Stoff. Diese Aufnahmen haben wir dann in unsere Lieder eingebaut und mehrkanalig abgespielt. D.h. wir haben die Klänge im Raum verteilt und bewegt. Das war schon cool!“ In Berlin sind beide bald Teil der bunten Kunst- und der Musikszene und verdienen mit Auftragsarbeiten Geld. Die Projekte mit Erdbeerfeld sind fordernd, abenteuerlich, aber machen eine Menge Spaß.

Selbst als sich Susanne neu verliebt und eine neue Beziehung beginnen möchte, kann sie sich erst nicht vorstellen, damit auch das Duo zu verlassen – so sehr war sie mit dieser musikalischen Arbeit innerlich verbunden. Doch weitermachen wie bisher war emotional unmöglich.

Die Trennung von ihrem Mann 2009 ist ein Einschnitt in Susannes Leben. Plötzlich kommt alles auf einmal. Seit einem Jahr hat sie sich selbständig gemacht und muss nun nicht nur ihre eigene, sondern auch die Miete für die Räume in Alexander-Technik-Zentrum zahlen. Sie kämpft sich durch Formalien zur Krankenversicherung, Steuer und Scheidungsprozess und lässt sich coachen, um mit der Selbständigkeit besser klarzukommen. Um Geld zu sparen, gibt sie Alexanderstunden im Austausch für Kleidung. Die Berliner Designerin Betty Bund näht ihr ausgefallene Hosen und eine andere Freundin ungewöhnliche Oberteile. Auch Coachingstunden werden gegen Alexander-Technik getauscht.

“Es gibt da offenbar eine Seele in meiner Brust, die mich in Sachen reinstürzt, ohne nachzudenken“.

In ihrem Leben ist plötzlich so viel Bewegung, Veränderung, Emotion, dass Susanne spürt, dass sie selbst mehr über Psychologie wissen möchte. Als sie Ende 2009 auf einer Party im Gespräch mit einem Bekannten von einer tollen Gestalttherapieausbildung erfährt, ist sie sich sicher: Gestalttherapie ist das, was sie braucht. Ihr Entschluss kommt aus dem Bauch heraus und ist schnell gefasst: „Es gibt da offenbar eine Seele in meiner Brust, die mich in Sachen reinstürzt, ohne nachzudenken. Und plötzlich bin ich auf dem Weg.“ Die vierjährige Gestaltausbildung ist vor allem in den ersten zwei Jahren sehr herausfordernd. Gleichzeitig wird sie zum wichtigen Anker für Susanne in ihrem turbulenten Leben, das sich gerade vollkommen verändert hat. Sie muss sich nun intensiv mit elementaren Themen auseinandersetzen wie dem eigenen Sterben oder auch der Sexualität. „Zwei Jahre lang wurden wir in Selbsterfahrungsseminaren regelrecht durchgenudelt“, sagt Susanne. „Alles in der Gruppe, alles vor der Gruppe, alles in der Interaktion mit den Menschen. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich es wohl nie gemacht.“

“Ich merkte, wie wichtig es mir ist, dass man den Menschen so lässt, wie er ist“.

Doch bereut hat sie nichts. Die Gestalttherapieausbildung führt bei Susanne dazu, dass sich auch ihr Blick auf die Arbeit in der Alexander-Technik verändert. „Ich merkte, wie wichtig es mir ist, dass ich den Menschen so lasse, wie er ist – vollkommen wertfrei. Daraus heraus können sich dann Veränderungen ergeben.“ Auch traut sie sich immer mehr, in den direkten Kontakt mit ihren Klienten zu treten, um herauszufinden, was sie bewegt und was sie von ihr brauchen, aber ohne sie „reparieren zu wollen“.

So wie Susanne früher das harmonische Zusammenspiel in Orchestern liebte, so begegnet sie heute auch ihrem eigenen Körper: aufmerksam, freundlich und vor allem annehmend. Dies vermittelt sie auch den Menschen, die zu ihr kommen. Es geht immer um eine Harmonisierung des Klang“körpers“.

Kein Körperteil spielt „forte“, sondern ist Teil einer Orchestrierung. Wer harmonisch spielen möchte, muss zunächst genau hinhören. Und darum geht es vor allem: Sich selbst wahrnehmen. Die Füße auf dem Boden spüren, den Raum wahrnehmen, in dem man sich bewegt, die von Susanne geführte Bewegung des Arms geschehen lassen. Hier steht der Körper im Mittelpunkt. Ein paar Schritte durch den hellen Raum mit Susannes Hand im Rücken geben Halt und gleichzeitig dem Körper das Signal „du kannst loslassen, dich neu organisieren.“ Besonders angenehm ist die Behandlung auf der Liege. Sie hat einen rutschfesten Überzug auf Fußhöhe, damit die Beine ohne Mühe aufgestellt bleiben können. Am Kopfende dienen zwei Bücher als Kopfkissen – das unterstützt die Entspannung der Hals- und Schultermuskeln.

Susanne beginnt ihr Behandlungskonzert, in dem sie den Kopf von hinten in beide Hände nimmt und ihn wenige Millimeter nach links und rechts dreht und wieder ablegt. Sie streicht über die Arme, legt ihre Hand auf den Brustkorb und bewegt nun erst den einen, dann den anderen Arm. Ganz langsam hebt sie ihn an, beugt ihn sanft und legt ihn wieder ab. Nach und nach bekommt jeder Teil des Orchesters seinen Einsatz.

„Ich bekomme das Feedback, dass die Menschen hier wirklich zur Ruhe kommen“, sagt Susanne. „Und das ist wirklich schon sehr viel.“

Susanne hat großen Erfolg mit ihren Einzelstunden, was sonst sehr ungewöhnlich ist, weil die Alexander-Technik nicht sehr bekannt ist. „Ich komme jetzt bereits an mein Limit. Ich mache die Einzelstunden natürlich sehr gern, aber wenn es zu viele werden, kann ich nicht mehr für jeden voll da sein.“ Auch das hat Susanne über die Jahre gelernt – eigene Grenzen erkennen und respektieren. Und so leben, dass man dabei nicht ausbrennt. Dies ist einer der Gründe, weshalb sie noch mehr für Gruppen anbieten möchte. Bereits jetzt organisiert Susanne gemeinsam mit ihrer Freundin Leonie von Arnim Gruppenworkshops für Frauen auf dem Land (Brodowin), aber auch offene Abendworkshops mit Gestalttherapie-Elementen im Zentrum für Alexander-Technik. Susanne ist überzeugt, dass innerhalb einer Gruppe Themen realer erlebt und ausprobiert werden, als im Einzelkontakt nur mit ihr. Inspiriert wird sie von den vielen Workshops und Kongressen für Alexander-Technik, die sie weltweit regelmäßig besucht. „Mit meinem gestalttherapeutischen Ansatz bin ich in der Welt der Alexander-Technik etwas speziell, aber ich möchte meine Sicht unbedingt weitertragen.“ Dies tut Susanne und genießt es, sich mit Lehrern in Australien, den USA, Großbritannien oder anderen Ländern in der Welt auszutauschen und gleichzeitig Freundschaften zu schließen.

“Ich mache jetzt Raum für Neues”.

„Mein großer Wunsch ist es, zukünftig noch mehr zu reisen und dabei gleichzeitig ortsunabhängig arbeiten zu können“, sagt Susanne, für die das Wort „Stillstand“ ein Fremdwort zu sein scheint. Online-Therapiesitzungen möchte sie entwickeln und Audiovisualisierungen aufnehmen, um sie online für Meditationen zur Verfügung zu stellen.

Ihre erste Reise hat sie schon fest geplant: zwei oder drei Monate Australien. „Ich verkaufe gerade meine Geige, um die Reise finanzieren zu können.“ Die Geige steht für einen Teil ihrer Vergangenheit – das Musikstudium und die Zeit im Duo Erdbeerfeld. Deshalb konnte sie sich lange nicht von ihrer Geige trennen. „Erst jetzt bin ich soweit. Immer wenn ich die Geige anfasse, merke ich, dass ich sie nicht mehr unter meinen Hals klemmen möchte. Stattdessen mache ich jetzt Raum für Neues“, sagt Susanne, und ihre Augen strahlen.

Susanne Feld trifft man im:

Zentrum für Alexander-Technik
Auguststraße 65
10117 Berlin-Mitte

Kontakt:
Tel: 030 52548801 oder 0177 6711177
kontakt@susannefeld.de
www.susannefeld.de