Renate Faltin

Als Heimkind in der DDR lernte Renate Faltin (73) schon sehr früh, dass man im Leben nichts geschenkt bekommt – auch nicht die Liebe ihrer Mutter. Sie ertrug Einsamkeit, starre Regeln, ständige Schulwechsel und kämpfte sich durch ein Abitur voller Zahlen und Formeln. Dann endlich der eigene Weg: Opernsängerin. Über Fünfundzwanzig Jahre lang spielte Renate Faltin auf vielen Bühnen der DDR und begeisterte das Opernpublikum unter anderem in ihrer Glanzrolle als Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte, aber auch in zahlreichen Operetten, Oratorien und Musicals. Ihr Wissen gibt sie als Professorin für Gesang an der Berliner Hanns Eisler Hochschule und als Autorin weiter. Ihr Buch „Singen lernen? Aber logisch!“ wurde bereits zum fünften Mal neu aufgelegt.

Wäre Renate Faltin auch Opernsängerin geworden, wenn sie nicht in einem DDR-Kinderheim aufgewachsen wäre? Eine Frage, die nicht einfach zu beantworten ist, aber doch liegt es nahe. Nach der Geburt von Renate in Parchim, ergriff ihre politisch überzeugte Mutter Anni in den Nachkriegsjahren die Chance, sich im Schnellverfahren als Volksrichterin fortzubilden. Da sie selbst im Internat leben musste, konnte sie ihre unehelich geborene Tochter nicht mit unterbringen – also kam Renate ins Kinderheim, erst in Neuruppin, dann in Potsdam. Eine Zeit voller Einsamkeit, die prägend war. Schon früh musste sie die Entscheidung treffen: untergehen oder aushalten. Sie entschied sich für das „Aushalten“, denn sie musste erst wissen, wer sie ist, um sagen zu können: „Nein, das will ich nicht.“ 

Es gab vieles in ihrer Kindheit, was ihr das Herz überlaufen ließ. Da ist zum Beispiel dieser Tag, an dem sie ihre Mutter vermisst. Sie ist neun Jahre alt und läuft kilometerweit vom Kinderheim zur Mutter ins Potsdamer Zentrum und klingelt. Doch die Mutter weist sie ab. „Sie kam raus, hat mich gesehen und hat gesagt, das ist nicht in Ordnung, du gehst jetzt wieder zurück‘. Dann hat sie die Tür zugemacht.“ Bis heute hat sich dieses Ereignis traumatisch in Renates Gedächtnis eingebrannt und Spuren hinterlassen. Auch das Leben im Kinderheim ist alles andere als glücklich. Renate zählt dort zu den Schwächeren und ist daher einer brutalen Rangordnung durch die älteren Jungen unterworfen. Wie eine Dienerin muss sie für sie die Schulmappen schleppen und Mutproben bestehen. „Ich musste zum Beispiel außen auf einer schmalen Brüstung im Hochparterre zum nächsten Fenster balancieren“. Auch seelische Grausamkeiten sind an der Tagesordnung für das kleine Mädchen, die schockiert zusehen muss, wie die Jungs den Fliegen die Flügel ausreißen und die Tiere langsam torkelnd verenden lassen. „Ich bin eigentlich ein sehr emotionaler Mensch. Weil ich aber im Heim und bei meiner Mutter nicht verletzlich sein durfte, habe ich mir angewöhnt, nach außen hin abweisend zu wirken.“ Und doch gibt es in ihr dieses Bedürfnis, ihre Gefühle mit jemandem zu teilen. Es darf nur niemand sein, der sie kennt. Deshalb sprach sie damals, wenn sie es nicht mehr aushielt, einfach fremde Menschen an. „Ich habe mir Leute in der Straßenbahn gekrallt, um denen mein Herzeleid auszuschütten, weil ich wusste, dass ich die nie wieder sehen würde.“

Renate Faltin klingt nicht verbittert, wenn sie davon erzählt. Ja, es sei sicher traurig aus heutiger Sicht, aber sie habe es damals nicht so empfunden – sie kannte es ja nicht anders. Mit einem kleinen Lachen streicht sie sich durch ihr nach hinten gebundenes, schwarzgrau meliertes Haar und lehnt sich im schwarzen Ledersessel zurück. Ihre dunkelbraunen Augen sind auf die Wand vor ihr gerichtet, während sie sich erinnert. „Dieses Gefühl, mich anderen mitteilen zu wollen, Gefühle zu transportieren und Verbundenheit zu erzeugen, aber ohne erkannt zu werden, habe ich auch als Sängerin später gehabt.“ Während ihre Kollegen nach der Vorstellung Autogramme geben, schleicht sich Renate Faltin nach bejubelten Auftritten als Königin der Nacht lieber unerkannt aus dem Haus. Bühne ist Bühne und privat ist privat. Sie möchte selbst entscheiden, wann und wem sie sich zeigt. 

“Opernsängerin war von da an mein Traumberuf.”

Heute sieht Renate in ihrer schwierigen Kindheit tatsächlich einen Grund, warum sie es geschafft hat, Opernsängerin zu werden. Denn ihr Weg in den Beruf war alles andere als einfach. Dafür musste sie vieles aushalten und oft auch kämpfen – Stärken, die sie als Kind ausbilden musste, um zu überleben. Während der Heim- und Schulzeit konnte sie keine eigenen Ziele verfolgen. Sozialistische Erziehung, Regeln befolgen, lernen, was der Staat vorgibt. „Ich erinnere mich an die Lautsprecherdurchsage in den Fluren, als Stalin 1953 gestorben ist. Da sind unsere Erzieher heulend und schreiend über den Tischen zusammengebrochen.“ Dabei ist für Renate schon mit vierzehn klar, dass ihr Weg ein anderer sein soll. Als sie zum ersten Mal die Oper „La Bohème“ erlebt, weiß sie, dass sie auch auf die Bühne möchte. „Opernsängerin war von da an mein Traumberuf, aber ich habe dann immer behauptet, dass ich Tierarzt werden will,“ sagt Renate Faltin. So erspart sie sich Fragen und geht Diskussionen aus dem Weg. Sie hat schnell gelernt, dass das wohl nicht ins sozialistische Weltbild ihrer Umwelt passen würde.

Renate quält sich durch das für sie vorgegebene naturwissenschaftliche Abitur, obwohl ihre Stärken kreative sind. „Ich konnte super Gedichte aufsagen, schön singen und habe sehr gern Theater gespielt.“ Wenn sie etwas vortragen kann, ist sie glücklich, denn die Momente, in denen sie von anderen bewundert und beachtet wird, sind selten. „Ich hatte ja keine Freunde,“ sagt Renate und lacht kurz auf. Einer der Gründe ist der Beruf ihrer Mutter, die mittlerweile als Richterin arbeitet. „Wir mussten uns von der Schule her einmal eine Gerichtsverhandlung ansehen. Und dann war ausgerechnet ich mit meiner Klasse dabei, als meine eigene Mutter irgend so ein armes Schwein verurteilte, das einen Witz über Walter Ulbricht gemacht hatte.“ 

Mit zehn Jahren kann Renate das Kinderheim verlassen und zu ihrer Mutter ziehen. Diese arbeitet in der Bezirksleitung der SED als Instrukteur für Justiz in Potsdam und hat nun endlich eine eigene Wohnung bekommen. Die Konflikte zwischen Mutter und Tochter spitzen sich zu, denn sie sehen sich nun jeden Tag. „Man sagt ja, die Bindung zu einer Mutter entsteht in den ersten Jahren – aber die hatten wir ja nicht.“

Auf der Suche nach dem unbekannten Vater

Eines der größten Konfliktthemen ist der unbekannte Vater. Ihre ganze Kindheit über wollte Renate wissen, wer er ist und wie ihn die Mutter kennengelernt hat. Doch diese lehnt es kategorisch ab, darüber zu sprechen. Stattdessen wird sie jedes Mal wütend und behauptet lange, der Vater sei im Krieg gefallen, was Renate aber nie glaubt, da sie erst 1946 geboren wurde. In den Augen der Mutter war der Vater „ein schlechter Mensch“, und damit musste sich die Tochter zufrieden geben. Kein Name, keinerlei Informationen. 

Bis Renate in der Schule lernen soll, wie man einen Lebenslauf schreibt. Sie zeigt der Mutter die Aufgabe und fragt, was sie bei „Vater“ eintragen soll. Die Mutter bekommt wieder einmal einen Wutanfall. Diesmal vielleicht, weil sie im Zwiespalt ist. Wenn sie sich weigert, etwas zu sagen, wird der Lebenslauf ihrer Tochter in der Schule eine Lücke aufweisen, doch wenn sie erzählt, dass Renates Vater lange wegen Schmuggels nach dem Krieg gesucht wurde und mittlerweile im Westen lebt, könnte sie ihre Tochter verlieren. Sie ahnt wahrscheinlich, wie sehr sich Renate wünscht, ihren Vater zu treffen. 1959 gibt es noch keine Grenze, die dies verhindert hätte. Die Mutter tobt und schreit, aber nennt dann tatsächlich den Namen und das Geburtsdatum des Vaters. In ihrer Wut gibt sie auch preis, dass er in Schönwalde bei Berlin geboren wurde, verheiratet ist und einen weiteren Sohn hat. Jedes ihrer Worte brennt sich in Renates Gedächtnis ein. „Ich hatte das starke Bedürfnis, endlich meine Wurzeln zu kennen.“ Auf einem kleinen grünen Zettel notiert sie sich jedes Detail, das sie eben erfahren hat und steckt ihn in ihr Portemonnaie. So hat sie ihren Vater Erwin und ihren Halbbruder Harry immer bei sich, auch wenn sie nicht weiß, wo sie sind. 

„Gerade wenn man sich so alleine fühlt und keiner hilft einem, dann hätte man gerne entweder einen großen starken Bruder oder einen Vater, der mal so richtig Bescheid sagt.“ Doch Renate hat gelernt, alles zu vermeiden, was ihre Mutter aufregen oder missfallen könnte, denn sie fürchtet ihre heftigen Reaktionen. „Meine Mutter hat mir immer gedroht, wenn irgendwas war, dass ich sie um den Verstand bringe oder dass sie sich das Leben nehmen würde. Immer wieder.“ Erst nach der Wende, als der Vater bereits gestorben ist, lernt sie durch Nachforschungen ihren Halbbruder Harry kennen. Dass Renate seine Halbschwester ist, wird Harry klar, als sie ihm in einem Brief den Diamantring beschreibt, den ihre Mutter von Harrys Vater damals erhalten hat. „Mein Vater hat doch die Dämlichkeit besessen, sowohl seiner Frau als auch seiner Geliebten den gleichen Ring zu schenken.“ Renate schüttelt den Kopf, aber muss dabei lachen. Denn seine Dummheit hat ihr geholfen, ihren Halbbruder zu finden. Und das war für sie eines der größten Geschenke, das ihr das Leben machen konnte. 

Ein Professor hat mich ‚Miss Mäusehusten‘ genannt.
Doch ihren Lebensweg geht Renate zunächst allein. Direkt nach dem Abitur bewirbt sie sich an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar – so weit weg von ihrer Mutter wie möglich. Doch sie wird abgelehnt. „Die haben mir gesagt, dass meine Stimme noch zu kindlich ist.“ Schließlich entdeckt sie in einer Tageszeitung einen Zeitungsartikel, dass für eine Klasse an der Hanns Eisler Hochschule in Berlin noch Schüler gesucht werden. Dies ist sehr ungewöhnlich, denn an allen vier Musikhochschulen der DDR sind die Aufnahmeprüfungen bereits abgeschlossen. Renate bewirbt sich und wird tatsächlich genommen, doch sie weiß, dass sie nicht die erste Wahl ist. „Die Musikhochschulen hatten bei Sängern ein Aufnahmesoll, denn 52 Musiktheater mussten mit Künstlern gefüllt werden. Da haben die genommen, was geht.“ Und das lassen die Lehrer sie deutlich spüren. „Ich hatte einen Professor, der hat mich sogar ‚Miss Mäusehusten‘ genannt.“ 

Trotz einer fachlich nicht guten Hauptfachlehrerin und wenig Unterstützung schafft Renate ihr Studium – sie beißt sich durch, erträgt vieles, weil sie ihr Ziel unbedingt erreichen möchte. „Damals war es noch so, dass man nach vier Jahren einen Chorsänger- oder nach fünf Jahren einen solistischen Abschluss machen konnte. Für den Soloabschluss kam ich als ‚Miss Mäusehusten‘ eigentlich nicht in Frage,“ stellt Renate nüchtern fest. Und doch ist es genau das, was sie möchte. Also bewirbt sie sich noch während ihres Studiums an einem sehr kleinen Theater, dem Theater Senftenberg, „eine Klitsche“, wie sie sagt. Dort will man sie nehmen, wenn sie noch ein Jahr studiert und ihren solistischen Abschluss macht. „Ich bin dann an meine Schule und habe gesagt – so. Wenn ihr mich noch ein Jahr hier lasst, dann nehmen die mich. Und dann habe ich tatsächlich nochmal ein Jahr gekriegt.“ 

Heirat, Kind und Karriere

Während des Studiums lernt Renate an der Hochschule ihren späteren Mann Peter kennen, der dort unterrichtet. „Im letzten Jahr haben wir dann bemerkt, dass es doch für länger sein könnte.“ Sehr zurückhaltend erzählt sie von dieser Liebe, die nur sie selbst etwas angeht. Sie wollen heiraten, doch Renate möchte ihren eigenen Namen behalten – ihr Name ist durch verschiedene Auftritte in der Theaterwelt bereits bekannt. Da sie keinen Doppelnamen möchte und es damals in der DDR unmöglich ist, jeweils den eigenen Namen zu behalten, heiraten sie schließlich in Ungarn. „Das hatte ganz böse Folgen,“ sagt Renate. „Jedesmal, wenn wir im Hotel unsere Ausweise vorlegten, hat die Rezeptionistin einen roten Kopf gekriegt und ihre Vorgesetzte geholt.“ Renate imitiert amüsiert den damaligen Dialog: „Herr Kroll, Sie sind verheiratet? Jaaa! Und Frau Faltin, sind Sie verheiratet? Jaaaaa! Aber nicht mit dem Mann? Dooch!“ Für zukünftige Reisen besorgen sie sich schließlich eine staatlich beglaubigte und übersetzte Eheurkunde, um im selben Zimmer übernachten zu können. 

1970, als Renate 24 Jahre alt ist, wird ihr Sohn Sebastian geboren. Zwei schlecht bezahlte und anstrengende Jahre am Theater Senftenberg und eine Zeit der freiberuflichen Tätigkeit liegen hinter ihr. Sie beginnt am Operettentheater in Dresden zu arbeiten und sie und ihr Mann pendeln abwechselnd mit dem Sohn zwischen den Städten hin und her. „Mit dem Trabant auf den schlechten Straßen hat das schon ein bisschen gedauert.“ 

Glanzrolle: Die Königin der Nacht

Ihre erste Rolle war das Hannchen in der Operette „Der Vetter aus Dingsda“. „Diese Rolle hat mich dann ewig verfolgt,“ sagt Renate Faltin und kichert, während sie in ihrem Ordner blättert, in dem sie alle Stationen ihrer Karriere abgeheftet hat. Als sie 1981 ihre Tochter Susanna bekommt, ist sie bereits gefragte Koloratur-Sopranistin für die schwierige Rolle der Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte. 1977 trat sie zum ersten Mal im Theater Rostock in dieser Rolle auf und wird seitdem immer wieder von verschiedenen Opernhäusern der DDR engagiert. Herausfordernd sind die beiden Arien, bei denen die Stimme besonders in den hohen Tonlagen sehr beweglich sein muss. „Wenn da eine Note falsch ist, hört das jeder Dussel,“ sagt Renate Faltin und fügt hinzu: „Und weil ich sehr, sehr sicher in dieser Höhe war, wurde ich häufig von heute auf morgen als Ersatz angefragt.“

Auf einem Foto im Ordner sieht man Renate in der Rolle der Königin der Nacht. Riesige, dunkle Augen unter einer eng anliegenden Kappe blicken direkt in die Kamera. Ein langer schlanker Hals schwebt über dem dunklen Kostüm mit dem bestickten Stehkragen. Der Blick hält den Betrachter gefangen, er strahlt Trauer und doch gleichzeitig Entschlossenheit und Kraft aus. Es ist nicht die Königin, die man auf dem Bild sieht. Es ist Renate Faltin selbst, die sich sich hier – unter dem Schutz der Rolle – hervorwagt, sich zeigt.

Ich hatte immer schwierige Fälle, denen ich helfen musste.
Neben der Leidenschaft für das Singen hatte Renate schon früh entdeckt, dass sie sich auch sehr für die Technik dahinter interessiert. „Ich musste mich ja im Studium mit mir selber beschäftigen, weil ich es nicht gut konnte und der Unterricht sehr schlecht war.“ 

Renate Faltin beginnt 1971 neben ihrem Engagement am Theater Senftenberg an ihrem spielfreien Tag zunächst Kinder und Jugendliche an einer Musikschule in Berlin-Treptow zu unterrichten. Ihr Unterricht ist beliebt und ihr macht es großen Spaß, ihr Wissen weiterzugeben. 1977 folgt eine zweijährige pädagogische Aspirantur an der Hanns Eisler Hochschule, bei der sie nun Studenten unterrichtet, aber parallel von einer Mentorin unterstützt wird. „Das war die beste Lehrerin an der Hochschule“, sagt Renate Faltin heute. 1979 setzt sie ihre pädagogische Karriere als „Oberassistent für Gesang“ an der Hochschule fort und arbeitet nun mit eigenen Hauptfachklassen für Chor- und Sologesang. „Ich hatte immer schwierige Fälle, um die ich mich kümmern musste. Das hat mich gefordert, denn ich musste überlegen, wie ich ihnen helfen konnte.“ 

Den Auftritt überleben

Renate sieht und hört genau hin, wenn ihre Studenten singen. Oft haben sie sich über die Jahre falsche „Einstellungen“ angewöhnt, die sie nun gemeinsam mit ihnen korrigiert. „Die erste Regel für den Sänger ist es den gesamten Auftritt zu überleben. Es könnte ja noch eine Arie kommen,“ sagt Renate Faltin und lacht. Sie weiß genau, wie Gaumensegel, Lippen und Zunge bewegt werden müssen, um die Töne richtig und dabei ohne Kraftaufwand zu erzeugen. Das ist wichtig, damit die Sänger auch lange Musikstücke problemlos bewältigen können. „Was mir damals sehr geholfen hat, war meine Arbeit für die ‚Berliner Gesangswissenschaftlichen Tagungen’ der Charité“, fährt sie fort. „Ich war der Vertreter für die Hochschule und leitete gemeinsam mit Prof. Dr. Seidner von der Charité die Veranstaltungen.“ Auf der Tagung trafen sich Fachärzte (Phoniater), Gesangspädagogen und Sänger aus dem ganzen Land und tauschten sich über Klangerzeugung und die aktuellsten Erkenntnisse zur Funktionsweise der Stimme aus. Renate profitiert von diesen fachübergreifenden Erfahrungen und hält auch selbst Vorträge, leitet Veranstaltungen und stellt Methoden aus ihrem Unterricht vor. Nur mit der Unterstützung ihres Mannes schafft sie es, ihre Familie, die Gesangskarriere und den Unterricht unter einen Hut zu bekommen. „Meine Mutter konnte ich dabei ja vergessen,“ fügt Renate hinzu. Sie blickt geradeaus, keine Mimik verrät, welches Gefühl sie damit verbindet.

Besonders ihre Tochter Susanna braucht viel Aufmerksamkeit, denn sie ist Asperger-Autistin, was jedoch damals nicht erkannt wird. In der Schule ist sie oft blockiert vor Angst, will nicht sprechen, doch die Lehrer deuten dies als Verweigerungshaltung, was zu Problemen führt. Den Schulstoff muss Renate zuhause mit ihr mit ganz individuellen Methoden erarbeiten, da sie in der Schule nicht folgen kann. Wie bei ihren Schülern und Studenten auch, versetzt sie sich jetzt in die Lage ihrer Tochter und gibt nicht auf, bis sie die richtige Methode gefunden hat. „Ich musste mir immer etwas ausdenken, damit sie verstand, was gemeint war. Zum Beispiel Multiplikation anhand von Tassen und Murmeln.“ 

Karriere an der Hochschule

Während sich Renate in den achtziger Jahren zur gefragten Opernsängerin und Gesangspädagogin entwickelt, findet in der DDR ein dramatischer künstlerischer Aderlass statt. Seit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 haben über 350 Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller und bildende Künstler in den 1980er Jahren die DDR verlassen. Wer Kritik übt, erhält Auftrittsverbot oder wird politisch verfolgt. 

„Für meine Mutter hatte die Partei immer Recht, denn der Sieg des Sozialismus stand über allem. Mir lag das aber nicht.“ Renate ist nicht in der Partei – sehr zum Bedauern ihrer Mutter. „Zunächst bin ich nicht in die Partei gegangen, weil ich mich nicht gut genug fühlte, selbstredend. Ich war ja nur ein blöder Student. Dann irgendwann stellte ich fest, hier stimmt was nicht und dann hätten mich auch keine zehn Pferde mehr reinbekommen.“ Diese Weigerung ist immer wieder Anlass für Streite mit der Mutter, die sogar Renates Mann dafür Vorwürfe macht, dass er es nicht schafft, sie umzustimmen. 

Nach sieben Jahren als Oberassistent wird Renate Faltin 1986 vom damaligen Rektor Prof. Olaf Koch der Hanns Eisler Hochschule für eine Dozentur vorgeschlagen – eine deutliche Verbesserung gegenüber ihrer aktuellen Position: „Als Dozent musstest du weniger arbeiten als die Oberassistenten und hattest endlich auch eine Altersversicherung.“ In der DDR war es nicht möglich, sich für eine derartige Position zu bewerben. Stattdessen hing alles davon ab, dass ein Vorgesetzter die Berufung als Dozent am eigenen Institut vorschlug. Die formale Ernennung erfolgte dann in einem öffentlichen Festakt über das Ministerium für Kultur. 

Ich sehe ihn noch vor mir, wie er mit dem Kaderentwicklungsplan wedelt.
Doch im selben Jahr wird Prof. Ragwitz neuer Rektor der Hanns Eisler Hochschule, und entscheidet im Alleingang, dass diese Dozentur als eine „außerordentliche“ zu verstehen sei. Dies hätte bedeutet, dass Renate Faltin nur den Titel „Dozent“ erhalten hätte ohne die damit verbundenen Leistungen. Erst zwei Tage vor der geplanten Berufung soll ihr dies der Abteilungsleiter schonend beibringen. Doch Renate hat bereits über ihre Kollegen davon erfahren. Im Gespräch lässt sie ihn sehr direkt wissen: „Lass stecken, das haben mir schon welche erzählt.“ Daraufhin wird sie zum Rektor zitiert, der verlangt, dass sie Namen nennt. „Ich sehe den heute noch vor mir, wie er mit dem Kaderentwicklungsplan wedelt.“ Er macht ihr klar, dass ihre weitere Karriere nun davon abhänge, ob sie die „undichte Stelle“ verrate. Sie weigert sich, will eine Beförderung aufgrund ihrer Leistungen, nicht aufgrund einer Denunziation.
Ich arbeite wie ein Dozent, ich berufe mich auf die Verfassung.
Renate Faltin wendet sich an die Konfliktkommission der Hochschule, weil sie eine gerechte Vergütung für die tatsächlich geleistete Arbeit und Lohnnachzahlungen fordert. Sie ist fest überzeugt, dass sie für ihr Recht kämpfen kann. „Ich habe gesagt, ich arbeite wie ein Dozent, ich berufe mich auf die Verfassung, ich möchte gleiches Geld für gleiche Arbeit.“ Im Oktober 1987 wird eine Konfliktverhandlung angesetzt, doch da der Rektor nicht erscheint, findet die Verhandlung nicht statt. 

Doch Renate glaubt immer noch, dass sie auf Basis der DDR-Verfassung erfolgreich klagen kann und wendet sich an einen Juristen. „Der hat mir dann ganz deutlich gesagt, ich könne zwar klagen, aber dass ich am Schluss kein Recht kriegen würde.“ Erst da wird ihr klar, dass es naiv und blauäuig war, den Staat herauszufordern. Hinzu kommt, dass ihr der Rektor in einem Kadergespräch nahelegt, ihren Antrag an die Konfliktkommission zurückzuziehen, da es sonst „keine Klarheit über ihre weitere Tätigkeit und Entwicklung gäbe“, wie es im Gesprächsprotokoll heißt. Diese nur schwach verschleierte Nötigung bringt ihre sozialistische Überzeugung vollkommen ins Wanken.

Renate Faltin wird schließlich weder zur Dozentin berufen, noch wird ihrem Antrag für eine gerechte Bezahlung für sich und weitere betroffene Mitarbeiter stattgegeben. Ihre Arbeitssituation an der Hanns Eisler Hochschule wird immer schwieriger, Kollegen beginnen, sie zu schneiden und setzen sich in Versammlungen nicht mehr zu ihr.

Doch die Studenten schätzen sie sehr. Immer wieder wechseln sie bewusst zu ihr, weil sie unzufrieden mit anderen Lehrern sind. Es spricht sich herum, dass man bei ihr mit Problemen nicht allein gelassen wird. Wenn Fragen entstehen, forscht Renate so lange, bis sie ihren Studenten eine fundierte Antwort geben kann. Manchmal stellt sie sich so lange vor einen Spiegel und probiert Zungen-, Gaumen-, Mundstellungen aus, bis sie herausgefunden hat, was ihr Student falsch macht. 

DDR im Umbruch

Renate Faltin ist keine Systemkritikerin. Doch sie kann nicht alles einfach hinnehmen – trotz der sozialistischen Erziehung in den SED-Kinderheimen und ihrer linientreuen Mutter. Ihre Erfahrung mit der Berufung lässt sie immer weiter zweifeln. Im Oktober 1988 beschließt die DDR-Regierung, das sowjetische Magazin „Sputnik“ nicht auszuliefern. Es hatte über den von der SED verleugneten deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt berichtet. Renate Faltin ist als Abonnentin verärgert über diese Gängelung. Sie nimmt ein altes Titelblatt des Magazins, gestaltet es als Traueranzeige um mit schwarzem Rand, Kreuz und dem „Todesdatum“ Oktober 1988 und hängt es an die Wand der Hochschulmensa. „Zum Glück bin ich nicht erwischt worden,“ sagt Renate nachdenklich.

Außerhalb der Hochschule herrscht Unruhe in der DDR. Die Glasnost-und Perestroika-Bewegung in der Sowjetunion lässt viele Bürger hoffen, dass auch das DDR-Regime sich offen für Veränderungen zeigt. Immer deutlicher fordern sie Reformen ein. Doch die DDR-Regierung sieht keinen Anlass für Selbstkritik und geht mit aller Macht gegen ihre Kritiker vor. 

Im Januar 1989 gelingt es 500 Menschen, auf dem Leipziger Marktplatz für das Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit sowie Pressefreiheit zu demonstrieren. Über 50 Demonstranten werden verhaftet, aber nach Solidaritätsaktionen in vielen DDR-Städten nach wenigen Tagen Haft wieder freigelassen. Es formieren sich die Leipziger Montagsdemonstrationen, bei denen im Herbst erstmals 1200 Menschen durch die Innenstadt ziehen. Renate Faltin erlebt dies hautnah, denn sie hat zu dieser Zeit ein Engagement am Leipziger Opernhaus für die Zauberflöte und pendelt für die Proben zwischen beiden Städten hin und her. 

Der Anfang vom Ende der DDR

Die politische Unruhe ist auch auf die Musikhochschule übergesprungen, wo über die Zukunft der DDR diskutiert wird und die alten Abteilungsleiter von den Studenten und einigen Lehrern nicht mehr akzeptiert werden. Nachdem die Polizei am 7. Oktober, dem 40. Jahrestages der DDR, Demonstranten mit brutaler Gewalt niederknüppelt, verhaftet und misshandelt, ist Renate Faltin sehr betroffen. Sie folgt  der Initiative von Berliner Schauspielern und Künstlern und nimmt am 28. Oktober 1989 – zehn Tage nach Honeckers Rücktritt, an der Lesung von Ulrich Mühe im Deutschen Theater teil. Mühe liest aus Walter Jankas Memoiren „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“, die zu diesem Zeitpunkt nur im Westen erschienen sind. Janka rechnet in seinem Buch ab mit politischer Heuchelei, Polizeistaatlichkeit, Rechtsbeugung und Menschenverachtung. Die Schlange vor dem Theater reicht bis zur Friedrichstraße, die Lesung wird mit Lautsprechern auf die Straße übertragen, einige Menschen weinen.

Am 4. November findet auf dem Alexanderplatz die erste genehmigte nichtstaatliche Demonstration der DDR mit über 500.000 Teilnehmern und bekannten Rednern wie Stefan Heym, Gregor Gysi, Christa Wolf oder auch Heiner Müller statt. Auch Renate ist dabei: „Viele wünschten sich – wie ich – eine bessere DDR, ohne sie ganz abschaffen zu wollen. Aber dann habe ich einige schwarz-rot-goldenen Fahnen ohne DDR-Emblem gesehen und wusste plötzlich: die DDR wird es nicht mehr geben, die Menschen wollten einfach ein besseres Leben.“ Am 9. November fällt die Mauer und die DDR, wie sie einmal war, beginnt sich aufzulösen.  

Trauer und Überleben

Doch im November 1989 stirbt Renates Mann an einem Herzinfarkt. Das lässt alles andere plötzlich unwichtig werden. Trotz des Schocks und der Trauer muss Renate irgendwie funktionieren: Susanna, ihre Bühnenauftritte, die Gesangsklasse und Behördengänge. Kurz vor Weihnachten muss sie aufs Amt gehen, um ihren Mann persönlich abzumelden und seinen Personalausweis abzugeben. Renate nimmt alles wie unter einem Schleier wahr, alles wirkt auf sie unwirklich. „Ich musste zuhören, wie die Frauen sich am Telefon über Weihnachtsgeschenke austauschten, und sollte gleich sagen ‚guten Tag, mein Mann ist gestorben.“ Die Art wie sie erzählt, lässt nur ahnen, wieviel Kraft es sie gekostet haben muss, diese Zeit zu überstehen. Sie verbirgt ihr Gefühl hinter einer Szenenbeschreibung, lässt nur den Zuschauerblick zu. Diese Distanz ist es, mit der sie andere Menschen täuscht und glauben lässt, sie sei nicht emotional und somit auch nicht verletzlich. Ihre Gefühle gibt sie Fremden nicht gern preis, das hat sie verinnerlicht, denn es hat ihr geholfen, ihre lieblose Kindheit zu überleben. Ihre Stärke schöpft sie auch aus dieser Zeit. Nur so hat sie ihre Tochter versorgt, ist aufgetreten, hat unterrichtet, ist mit dem Alleinsein klargekommen und hat sich ein neues Leben in einem für sie neuen Land aufgebaut. 

1990, unter einer neuen Rektorin, erhält Renate Faltin endlich die ursprünglich versprochene Dozentenstelle – rückwirkend ab Februar und bis zum offiziellen Ende der DDR. Es ist eine Art Aufarbeitung durch die Hochschule für Musik, von der auch Studenten profitieren, die damals aus politischen Gründen ihr Examen nicht machen durften. Kurz darauf stellt Renate Strafanzeige gegen den damaligen Rektor Prof. Ragwitz, dessen Machtmissbrauch und Nötigung sie dokumentiert wissen möchte. Ein Untersuchungsausschuss gibt ihr 1991 in allen Punkten recht. 

Abschied von der Oper

Im Sommer 1990 steht sie zum letzten Mal im Goethetheater Bad Lauchstädt bei einer Inszenierung des Theater Halle als Königin der Nacht auf der Bühne. „Ich war besonders gut an diesem Abend, wollte mir selbst einen würdevollen Abschied geben, denn niemand außer mir wusste davon.“ Sie hat diesen Entschluss bewusst gefasst, weil sie sich mehr um ihre Tochter kümmern möchte, die damals gerade elf Jahre alt ist. Hinzu kommt, dass sehr viele Theater neue, meist westliche, Intendanten haben. „Ich hätte da vorsingen müssen wie ein Anfänger – guten Tag, ich bin die Neue, ich komm jetzt öfter – neee. Also das war gegen meine Ehre.“ 

Nach der Wende werden die alten Hochschulstrukturen und somit die Stellen neu organisiert. Doch von ihrem Arbeitsplatz bei der Hochschule hängt ab, ob Renate ihre Tochter allein versorgen und ihr Haus weiter finanzieren kann. Dafür muss sie eine letzte berufliche Hürde nehmen und sich erneut bewerben, obwohl sie seit Jahrzehnten an der Hochschule beschäftigt ist. Als sie die ausgeschriebene Professorenstelle bekommt, ist sie sehr erleichtert. Endlich ist sie mit ihrer Tochter sozial abgesichert. 

Ich sehe mit dem Ohr.
Renate Faltin hat mittlerweile hunderte von Schülern in der ganzen Welt ausgebildet und gibt auch seit ihrer Emeritierung am 1. April 2011 weiter Unterricht als Professorin für Gesang an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Viele ihrer Schüler und Studenten haben Karriere gemacht oder sind gerade dabei. So z. B. Annika Schlicht, Mezzosopranistin an der Deutschen Oper Berlin, Fatma Said, Sopranistin mit Engagements an der Mailänder Scala oder auch der Countertenor Jörg Waschinski. Doch besonders stolz ist sie auf die, die gar nicht so bekannt sind, die nach jahrelangem Studium kurz davor waren, aufzugeben und es mit ihrer Hilfe dann doch geschafft haben. „Es gibt so viel Scharlatanerie in diesem Beruf. Die Vorgaben, um Gesangslehrer zu werden sind ‚international bekannt‘, ‚Lehrerfahrung haben‘ und ‚vorsingen‘. Und dann passiert es häufig, dass Professuren nach Popularität der Person vergeben werden. Nach meiner Auffassung sind das aber zwei verschiedene Paar Schuhe.“ Nur wenige Gesangslehrer seien in der Lage, Studenten so zu unterrichten, dass sie bewusst ihre Klangräume einstellen können. „Dabei gibt ja nur wenige, die die Klappe aufmachen und alles funktioniert, weil die Natur das so gemacht hat.“ Bei ihren Schülern achtet sie auf viele Details. „Ich sehe mit dem Ohr. Ich höre, was sie anatomisch tun, welche Fehler sie dabei machen.“ 

Renate liegt viel an ihren Schülern. Auch nach Jahren hält sie den Kontakt zu ihnen. Jedes Jahr veranstaltet sie eine Gartenparty in ihrem Haus in Berlin-Niederschönhausen – eine „Fête“ wie sie es nennt. „Es ist immer unterschiedlich, wer kommt, denn am Theater hast du ja nur zwei wirklich gesicherte Feiertage – Heiligabend und den ersten Mai.“ Es wird viel gesungen und die Ehemaligen tauschen ihre Erfahrungen über die unterschiedlichen Theater mit den aktuellen Schülern von Renate aus. „Das lieben alle immer sehr.“

Die meisten sind voller Selbstzweifel.
Ihre vielfältigen Erfahrungen mit Studenten zum Gesangsunterricht hat Renate Faltin in einem Buch aufgeschrieben. „Ich habe mir manchmal an den Kopf gefasst, wie schlecht manche gesungen haben, obwohl sie schon fünf Jahre Unterricht hatten.“ Im Jahr 2000 erschien die erste Ausgabe von „Singen lernen? Aber logisch! Von der Technik des klassischen Gesangs“. Mittlerweile gibt es das Buch bereits in der 5. Auflage. Es ist zu einer Art Standardwerk geworden. Mit leicht verständlicher Sprache und ungewöhnlichen Fotos von Mundinnenräumen erklärt sie, was nötig ist, um die Töne zum Klingen zu bringen. Für Renate Faltin ist das die Grundvoraussetzung, um auch mit Stimmproblemen besser umzugehen. Wer genau weiß, was er anatomisch tun muss, um einen Ton zu erzeugen, wird seine eigenen Fehler analysieren und gezielt korrigieren können, statt in eine Stimmkrise zu geraten. Denn Singen hat viel mit Psyche zu tun, davon ist Renate Faltin überzeugt. „Das Bild vom überkandidelten Sänger, der mit einem weißen Schal abgehoben durch die Gegend rennt, stimmt nicht, die meisten sind voller Selbstzweifel.“ Renate möchte allen die richtigen Instrumente an die Hand geben, um ihren Weg zu gehen.

Doch das allein reicht nicht. „Ein Sänger muss das innere Bedürfnis haben, seine Seele auf diese Art und Weise zu zeigen. Ich selbst bin nur der Verkehrspolizist – ich kann sagen, hier nicht und jetzt so und jetzt abbiegen, aber fahren muss jeder allein.“

Renate Faltin trifft man an der:

Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin
Charlottenstraße 55
10117 Berlin

Web: www.hfm-berlin.de

Renate Faltin kann man hier singen hören:

 

Die Fée Urgèle - Johann Abraham Peter Schulz

von Renate Faltin

Annegret Corsing

Zehn Jahre lang dauerte es, bis Annegret Corsing (39) ihre Borderline-Erkrankung überwand. Heute ist sie eine „Erfahrungsexpertin“ und gibt ihr Wissen über den Umgang mit der schweren Krankheit weiter. Sie will damit anderen helfen und durch Aufklärung die Stigmatisierung und Diskrimierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen bekämpfen. 

Annegret Corsing ist eine zierliche, attraktive Frau mit einem offenen Gesicht, großen grünen Augen und langen braunen Haaren. Wenn sie über ihre Geschäftsideen spricht, spürt man die Energie, die sie antreibt und mit der sie andere sofort in ihren Bann zieht. Kaum zu glauben, dass es Zeiten in ihrem Leben gab, in denen sie nicht ihr eigenes Leben lebte, sondern das ihrer Eltern oder der jeweiligen Partner. Dass es Zeiten gab, in denen jede Beziehung nach wenigen Wochen zu einer emotionalen Katastrophe wurde und Trennungen sie monatelang aus der Bahn warfen. „Es gibt neun Symptome für Borderline, auf die fünf zutreffen müssen, damit man die Diagnose stellt. Und eins davon ist ein extrem instabiles Selbstbild,“ erläutert Annegret. „Ich hatte eine massive Angst, verlassen zu werden, aber gleichzeitig einen extremen Freiheitsdrang, weil ich zu viel Nähe als gefährlich empfand.“ Annegrets Verhalten wechselte daher ständig zwischen extremem Klammern und Abweisung. Tagtäglich durchlebte sie eine unkontrollierbare Gefühlsachterbahn, der sie anfangs vollkommen hilflos gegenüberstand. 

Das gute und das schlechte Kind

Die Ursache für ihre Krankheit sieht Annegret rückblickend in der fehlenden Bindung zu ihren Eltern, die weder sie noch ihre anderthalb Jahre jüngere Schwester Birgit* so akzeptierten wie sie waren. „Unser Vater machte seine Zuneigung davon abhängig, ob wir „lieb waren“ also das taten, was er wollte. Nie wussten wir, ob wir gerade das gute oder das schlechte Kind waren –  ein ständiger Wechsel zwischen schwarz oder weiß. Du konntest nicht einfach nur du sein.“ Immer, wenn Annegret eine andere Meinung als ihr Vater vertritt, widerspricht er ihr vehement, denn er sieht darin einen Affront gegen seine Person. Die Mutter bezieht entweder Position für den Vater oder hält sich aus allem raus. Als Annegret mit 13 intuitiv merkt, dass ihr Vater andere Frauen trifft, spioniert sie ihm nach. Sie spricht ihn darauf an, weil sie die Situation unerträglich findet. Doch er streitet immer wieder alles ab, bis sie es schließlich glaubt. Fünf Jahre später erwischt sie ihn in flagranti mit einer fremden Frau im Elternschlafzimmer und erkennt, dass sie die ganze Zeit Recht hatte. „Ich hatte da aber schon gelernt, nicht auf meine Gefühle, meine Wahrnehmung, meine Intuition zu hören, weil mir meine engste Bezugsperson jahrelang erzählt hat, nein, das ist nicht so. Und das musste ich mir ganz hart wieder antrainieren. Es fällt mir heute noch schwer.“ In der Kindheit ist bei Annegret das Gefühl entstanden, nicht wertvoll genug zu sein, um geliebt zu werden. Sie überlebt, in dem sie alles daran setzt, die Erwartungen von anderen zu erfüllen. Der Preis: Sie muss ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche vergessen. 

“Ich habe immer ein Doppelleben geführt.”

1999 nach dem Abitur scheint alles gut zu laufen. Annegret, die bisher bei ihren Eltern in Berlin-Treptow gelebt hat, zieht von zuhause aus und geht nach Hamburg, um eine Ausbildung zur Fachinformatikerin an der IHK zu machen. Eigentlich hätte sie lieber etwas Künstlerisches gelernt, doch sie folgt dem Rat ihrer Mutter, und die Ausbildung macht ihr tatsächlich Spaß. Doch die erste schwere Krise kommt, als eine Liebesbeziehung auseinander geht. „Mit der Trennung bin ich überhaupt nicht klar gekommen. Ich wollte und konnte plötzlich nicht mehr essen.“ Annegret, die sowieso schon sehr schlank ist, wird immer dünner und sucht schließlich Hilfe bei einer psychologischen Beratungsstelle in Hamburg. In dieser Zeit geht es ihr so schlecht, dass sie teilweise nicht mehr aufstehen kann. Doch der Wille, „es den anderen zu zeigen“ ist so übermächtig, dass sie, wenn es darauf ankommt, alle Kräfte mobilisiert, die sie noch hat. „Meine Mutter hat sich vor mir erschrocken, wenn ich morgens noch hilflos im Bett lag, weil alles so schlimm war, aber dann nachmittags bei einem Vorstellungsgespräch tatsächlich den Job bekommen habe.“ Den Schmerz ausblenden, die Fassade wahren, den anderen zeigen, dass sie gut ist, dafür lebt Annegret, die mittlerweile nach Berlin zurückgekehrt ist. Sie ist sehr gut in ihrem Beruf, treibt ihre Karriere als Webentwicklerin erfolgreich voran und geht 2002 sogar für ein Jahr nach London. „Ich habe immer ein Doppelleben geführt. Beruflich erfolgreich und gut und super und beziehungstechnisch immer absolute Katastrophe.“ 

Nach einer weiteren schmerzhaften Trennung 2004 muss Annegret zum ersten Mal zur Behandlung in eine Klinik. Ein Jahr lang kämpft sie sich mühsam zurück ins Leben. Sie hat eine Essstörung entwickelt, durch die sie panische Angst vor dem Erbrechen hat. Das führt soweit, dass sie zwei Stunden, bevor sie S-Bahn, U-Bahn oder Bus fahren muss, nichts mehr isst und nicht mehr in fremden Autos mitfährt, wenn sie nicht einschätzen kann, ob der Fahrer sofort anhalten kann, wenn sie es möchte. Ihre Panikattacken schränken ihr Leben immer mehr ein. Trotz dieser Belastungen beginnt sie 2005 ein Studium der Medieninformatik an der HTW in Berlin. 

Diagnose Borderline

Als sie 2006 wieder in eine extreme Beziehungskrise gerät, ahnt Annegret, dass dahinter mehr stecken muss als nur eine Essstörung. Sie selbst hat den Verdacht, dass sie vielleicht an einer Borderline-Erkrankung leidet. Das wäre eine mögliche Erklärung für ihre impulsiven und unkontrollierbaren Gefühlsausbrüche und die damit einhergehenden Beziehungsprobleme. Sie lässt sich zwei Wochen in der Berliner Charité auf psychische Erkrankungen durchchecken, um endlich Klarheit zu haben. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Die Ärzte attestieren Annegret sieben von neun möglichen Persönlichkeitsstörungen. Die größte Übereinstimmung zeigt sich bei der Borderline-Symptomatik. „Letztendlich war es eine Schockdiagnose, aber ich war auch sehr erleichtert, weil ich endlich wusste, was es ist und dass man da etwas tun kann.“ 

In den folgenden zwei Jahren beginnt Annegrets Leben sich zu ändern. Neben dem Studium macht sie sich als IT-Beraterin selbständig. Sie arbeitet weiter an sich selbst, macht eine Therapie und erlernt dort Handwerkszeug, um ihre Gefühle besser regulieren zu können. Außerdem hat sie gerade Thomas* kennengelernt. „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich gleich von Anfang an gesagt, dass es mit mir schwierig werden könnte und es ihm überlassen, ob er trotzdem mit mir zusammensein möchte.“ Thomas ließ es auf sich zukommen und beide sind mittlerweile seit elfeinhalb Jahren zusammen und seit einem Jahr verheiratet. Es ist die längste Beziehung, die Annegret je hatte. Den größten Anteil daran, dass es funktioniert, hat sicher Annegret selbst, die alles daransetzt, zu verstehen wer sie ist. Die Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit und ihren Ursachen ist intensiv und oft schmerzhaft. 

In ihrer Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT) wendet sie sich ihren Emotionen zu. Diese werden in Erregungsleveln gemessen – der höchste Level liegt bei 100. Bei Borderline-Patienten ist der Level im Durchschnitt bereits erhöht und liegt bei ca. 30, während er bei anderen im Normalzustand nur Level 5 erreicht. Für alle Menschen wird angenommen, dass sie ab Level 70 nicht mehr klar denken können. Doch Menschen mit Borderline-Erkrankung erreichen diese Schwelle viel schneller: „Wo andere einen Sicherungskasten haben, geht bei uns alles immer direkt durch und die Kabel dahinter sind auch oft nicht isoliert“, sagt Annegret. 

Annegret lernt, was bei ihr den Erregungslevel steigen lässt und wie sie das frühzeitig erkennen kann. Doch wie kann sie ihre Emotionen in diesen Situationen in den Griff bekommen, um auch handlungsfähig zu sein? Dazu muss der Stresslevel auf unter 70 sinken. Annegret probiert verschiedene Werkzeuge (Stresstoleranz-Skills) aus. Es müssen sehr starke Reize sein wie beispielsweise das heftige Schnipsen eines Gummibands am Handgelenk. „Dit tut so weh! Da denkst du nicht mehr an deine Wut, sondern nur noch ‚au‘,“ erzählt Annegret lachend. Ausnahmsweise kommt dabei ihr Berliner Dialekt zum Vorschein, den man sonst nicht bemerkt. 

Da jeder anders auf Reize reagiert, stellt sich jeder Patient auch seinen eigenen „Notfallkoffer“ zusammen. Der Inhalt variiert und kann für alle Sinnesreize ausgelegt sein: Tabasco für die Zunge, ein Wutball zum Kneten, ein Stofftier zum Streicheln, ein Foto, Kieselsteine für die Schuhe für Prüfungssituationen oder ein starker Geruch wie z.B. Ammoniak. „Ich hatte scharfe Gummibärchen mit dem Schärfegrad 7 von 10. Die gab es nur im Internet.“ 

Ein weiteres Handwerkszeug ist die sogenannte „radikale Akzeptanz“: Fakt (was ist passiert), mein Gefühl (wie fühle ich mich deshalb) und dann darin zu verharren, ohne etwas zu tun. „Ich versuche nicht, mein Gefühl zu einer Situation loszuwerden. Ich leiste keinen Widerstand, übe keinen Druck aus, laufe nicht davor weg. Ich stelle mich innerlich vor mein Gefühl, betrachte es und lasse es da sein.“ Gerade Letzteres ist sehr hart, denn fast jeder neigt dazu, intensive Gefühle zu bekämpfen – sei es in Gedanken, sei es mit Worten oder sogar mit körperlicher Gewalt gegen andere oder Selbstverletzung. „Indem man lernt, mit seinen Emotionen gut umzugehen, sorgt man dafür, dass man nicht mehr so leicht in schwere Krisen gerät. Das ist Handwerkszeug, das jeder gut gebrauchen kann, nicht nur Erkrankte.“

Auf dem Weg in ein anderes Leben

Annegret merkt schon während ihrer Therapie, dass ihr Leben eigentlich eine andere Richtung nehmen sollte. So auch im eigentlichen Sinn, denn im September 2009 macht sie sich kurz nach dem Abschluss ihres Medieninformatikstudiums gemeinsam mit ihrem Mann mit ihrem VW-Bus auf die Reise nach Kapstadt. Sieben Monate lang reisen sie durch insgesamt 22 Länder und fahren mehr als 30.000 Kilometer. Das bedeutet viel Zeit zusammen, viel Nähe. Annegret hätte dies vor ihrer Therapie wohl nicht geschafft. Zu oft wäre sie von Emotionen überrollt worden, hätte mit Panikanfällen, Wutausbrüchen Stimmungsschwankungen kämpfen müssen und darüber den Blick für das Schöne und die Liebe verloren. Jetzt kommt sie stattdessen gestärkt und voller Energie zurück. Noch lebt sie ihr altes Leben weiter, baut ihre Selbständigkeit weiter aus. 2013 nimmt sie nach langer Zeit wieder eine feste Stelle an, bei der sie allein für ein weltweit genutztes Produkt verantwortlich ist. Als jedoch ein Jahr darauf ihre Beziehung in eine Krise gerät, wird sie wieder krank. Diesmal für anderthalb Jahre. 

Annegret dringt mit Hilfe von Therapeuten immer weiter in den Kern ihrer Persönlichkeit ein. Es ist ein langer Prozess, während dem sie erkennt, dass ihre psychischen Störungen ein Versuch sind, sie von ihren Gefühlen zu trennen – um sie vor ihrer inneren Leere und dem Schmerz aus der Kindheit zu schützen. Ganz langsam hat sie den Zugang zu ihrem wahren Ich bekommen, sich neu entdeckt und endlich lieben gelernt – genauso wie sie ist. Sie hat es endlich geschafft, die Borderline-Erkrankung hinter sich zu lassen und einen anderen, selbstgewählten Weg einzuschlagen.

Ihren Beruf als selbständige IT-Beraterin sieht sie nun mit anderen Augen. Hat sie ihre Arbeit nur deshalb so intensiv und erfolgreich betrieben, weil sie anderen damit beweisen musste, dass sie gut und somit etwas wert ist? Ist es wirklich das, was sie tun möchte? Annegret zweifelt immer mehr daran. Sie begibt sich auf die Suche nach etwas Neuem, nutzt aber noch die ihr bekannten Leistungsmuster: Kompetenzen erwerben und dadurch ihr selbst und anderen zeigen, dass sie etwas kann. So lassen sich ihre Personal Trainerausbildung und die dann zahlreichen psychologischen Weiterbildungen erklären, die sich ab 2015 aneinanderreihen: Achtsamkeits- und Meditationstrainerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und psychologische Beraterin, Resilienz-Trainerin uvm.

Lieblingsmensch und RAMSES

Im Sommer 2016 setzt sie ihre erste Geschäftsidee um, die ihr wirklich entspricht und mit der sie auch anderen Menschen ermöglichen möchte, zu sich selbst zu finden. Ihr Konzept umfasst mehrwöchige Coachingprogramme mit E-Mail- oder persönlicher Begleitung, bei denen die Kunden lernen, sich selbst anzunehmen. Begleitend eröffnet sie ihr eigenes Büro und den Blog blog.lieblingsmensch.me, auf dem sie über ihre eigenen Erfahrungen und verschiedene psychologische Themen schreibt. Zusätzlich unterstützt sie ehrenamtlich die psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle Pankow der Albatros gGmbH.

Bei Gruppensitzungen stößt sie immer wieder auf Menschen, die viele Wochen auf einen Therapieplatz warten müssen. Annegret überlegt, was man ihnen anbieten könnte, damit sie diese Zeit gesundheitlich möglichst stabil überbrücken können. Sie nutzt hierfür Fähigkeiten, die sie bereits als IT-Beraterin so erfolgreich gemacht haben: Sie geht sehr strukturiert und analytisch an das Thema heran und entwickelt ein durchdachtes, eigenes Trainingsprogramm zur Stärkung der Resilienz, der Fähigkeit, Krisen zu bewältigen. Da sie das alte Ägypten sehr liebt, nennt sie es RAMSES, „Resilienz durch Achtsamkeit und Mitgefühl und Schaffung emotionaler Stabilität“. Das Training wird durch Psychiatrie- und Krisenerfahrene, also Erfahrungsexperten wie Annegret selbst, begleitet und richtet sich an Menschen mit oder ohne psychische Erkrankungen, aber auch an Unternehmen. Annegrets Trainings, Workshops und Vorträge dienen Mitarbeitern zur Prävention oder unterstützen sie, wenn sie nach langer Krankheit an den Arbeitsplatz zurückkehren. Annegret bietet zudem auf RAMSES basierende zertifizierte Präventionskurse für jedermann an, die sogar von den Krankenkassen erstattet werden. 

“Erfahrungsexperte wird im Duden stehen!”

All dies hat sie nun unter dem Dach ihrer Website „www.die-erfahrungsexperten.de“ zusammengeführt. Annegret ist von dem Potenzial ihrer Geschäftsidee überzeugt. Sie glaubt, dass zukünftig immer mehr „Erfahrungsexperten“ als Schnittstelle zwischen Arzt und Patient arbeiten werden und dass dieser Beruf ein Alltagswort werden wird. „Es wird irgendwann im Duden stehen, dafür sorge ich schon!“. Annegrets Stimme überschlägt sich fast, so sehr brennt sie für ihr Projekt. Sie hat sich vorgebeugt, die Worte sprudeln förmlich aus ihr heraus, und sie unterstreicht jedes Wort mit einer schnellen Handbewegung. „Ich möchte alle Erfahrungsexperten miteinander vernetzen und dazu beitragen, dass sie eine deutschlandweit standardisierte, hochqualifizierte Ausbildung erhalten.“ 

Annegret ist eine Schnelldenkerin, eine Visionärin, die ihre vielen Einzelideen immer weiter verknüpft hat bis ein tragbares Netz entstanden ist, das sie jederzeit um weitere Fäden und Verbindungen erweitern kann. Ihre Krankheit, ihre Krisen, ihre Erkenntnisse und neu erlernten Fähigkeiten, alle sind sie in ihr Konzept eingeflossen und haben sich immer wieder verändert bis etwas Großes entstanden ist. Etwas, das einen wertvollen gesellschaftlichen Beitrag leisten kann, wenn sie es zum Laufen bringt.

Es hat Potenzial, um psychisch Erkrankten als Erfahrungsexperten wieder eine berufliche Perspektive zu geben. Es kann für Entstigmatisierung sorgen, wenn ehemals Erkrankte den Trainings- und Präventivansatz in Unternehmen tragen und als Betroffene über psychische Krankheiten informieren. Mit Präventionsangeboten für jedermann steigt zudem die Chance, dass Menschen gar nicht erst erkranken. Wenn all dies einmal umgesetzt ist, hätte Annegret ihr berufliches Ziel erreicht. 

Kinder müssen wissen, dass sie geliebt werden

Und dann ist da noch etwas anderes. Etwas, das Annegret sich schon eine Weile von ganzem Herzen wünscht: „ Ich möchte gerne bald Kinder bekommen.“ 

Leider ist das nicht ganz leicht für sie, denn erst seit Kurzem hat sich ihr Hormonhaushalt normalisiert. „Mein Körper ist steckengeblieben in einer kindlichen Phase und reagiert sehr empfindlich auf Störungen.“ Und es ist nicht nur ihr Körper, der Beachtung möchte, sondern auch ihr inneres Kind, wie sie sagt. Gerade erst hat sie sich ihm – oder ihrem Kern – zugewendet und nun soll diese Aufmerksamkeit abgezogen werden? „Ich muss als Mutter sehr aufpassen, dass ich genügend Zeit für mich selbst behalte, um nicht in alte Muster zu verfallen.“ Ihr Mann wird sie dabei intensiv unterstützen, das hat er schon angekündigt. „Er hofft sogar, dass meine Geschäftsidee richtig abgeht, damit er dann zuhause bleiben kann,“ sagt Annegret lachend. 

Annegret und ihr Mann haben sich fest vorgenommen, immer für ihre Kinder da zu sein. „Sie sollen wissen, dass wir sie auffangen, wenn sie uns brauchen und dass wir sie immer lieben, egal, was sie tun. Das ist das Allerwichtigste, womit sie aufwachsen müssen. Ich weiß das, denn ich hatte das alles nicht.“

*Name geändert.

Annegret Corsing trifft man hier:

Raum für Wachstum
Gethsemanestr. 6
Aufgang III
10437 Berlin

Tel: 030 60271681
H: 0157 82022301

www.anncor.de und  www.die-erfahrungsexperten.de 

Ingeborg Krölke

Als Kind prügelte sie sich mit Jungs und sprang über Eisschollen – heute vertraut Ingeborg Krölke (76) auf Buddha und meditiert mehrmals am Tag. Ihre wahre Liebe fand sie vor fast 30 Jahren in ihrem Beruf: 1989 eröffnete sie ihr eigenes Kosmetikgeschäft mit Fußpflege in Berlin-Moabit und kann sich seitdem nichts Schöneres mehr vorstellen.

Ingeborg Krölke reckt sich mit ihren 1,56 m Körpergröße so hoch sie kann. Der große Kerl, der sie um Kopfeslänge überragt, hat gerade ihre Geldkassette vom Tresen genommen und denkt, sie hätte das nicht gesehen. Wütend greift sie ihm vorn in sein T-Shirt und dreht den Stoff inklusive seiner Brusthaare in ihrer Faust. „Stellste die die Dose wieder hin oder soll ich zuschlagen?“ Ihre Augen sind dabei fest auf ihn gerichtet. Dann wird ihr plötzlich bewusst, wie absurd das wirken muss – diese kleine wütende Frau, die dem Mann noch nicht einmal zur Schulter reicht, aber keine Angst vor ihm hat. Doch sie dreht das T-Shirt nur noch fester in ihrer Hand. Natürlich könnte der Dieb sie einfach beiseite schieben, aber das ist ihr jetzt egal. In ihrem Geschäft wird nicht geklaut. Basta! Und tatsächlich: Ihre Entschlossenheit zeigt Wirkung. Kleinlaut stellt der Mann die Geldkassette wieder auf ihren Platz und verlässt das Geschäft. Bei Ungerechtigkeiten lässt Ingeborg Krölke so schnell nicht locker. Damit bekam sie schon in der Schule Ärger, wenn sie sich für Mitschüler einsetzte.

Wilde Jugend

Als Ingeborg 1941 in Werder geboren wird, ist ihr Vater gerade seit drei Jahren an Land. Der Seemann hatte sich in Ingeborgs Mutter Margot verliebt und dann für sie der See den Rücken gekehrt. Sein Fernweh muss er jedoch seiner Tochter Ingeborg mitgegeben haben, denn die macht sich mit fünf Jahren mit ihrem kleinen Handkarren auf, um die Welt zu erkunden. Das kleine Mädchen läuft mehrere Kilometer weit, bis sie eine Nachbarin vor der Glindower Dorfkirche heulend findet und auf dem Gepäckträger wieder nachhause bringt. „Meine Mutter war heilfroh, denn die hatte schon verzweifelt die Havel abgesucht.“

Als sie älter wird, entwickelt sich das Einzelkind immer mehr zu einem Wildfang. Angst kennt sie keine. Sie ist wild und impulsiv. „Wenn es hieß ‚trauste dich?‘, war ich immer dabei,“ erinnert sie sich lachend. Sie klettert auf Bäume, schleicht sich in Nachbargärten, um Birnen zu klauen und prügelt sich mit Jungen, um sich als einziges Mädchen durchzusetzen. Fasziniert vom Roman „Onkel Toms Hütte“ spielt sie mit den Nachbarjungen die Fluchtszene der jungen Sklavin im Roman nach. „Bei uns auf der Havel hatten die Fischer das Eis aufgehackt, um zu angeln. Kaum waren die weggegangen, sind wir auf die Eisscholle gesprungen und dann prompt eingebrochen.“ Die Fischer müssen Ingeborg und ihre Freunde aus dem eiskalten Wasser ziehen. „Ich bekam dann zweimal Senge. Einmal von dem Fischer, der mich rausgezottelt hat und als ich nachhause kam nochmal.“

Da sich ihr Vater kurz nach ihrer Geburt freiwillig zur Armee gemeldet hat, wächst Ingeborg mit ihrer Mutter und der Großmutter auf. „Meine Mutter hat oft zu mir gesagt, ,du bist wie meine Mutter!’, und das klang nicht freundlich“, sagt Ingeborg Krölke und lacht. Ihre braunen Augen funkeln dabei verschmitzt über den Goldrand ihrer Brille hinweg. Sie trägt ihr blondiertes Haar kurz, aber gerade so lang, dass es ihre beiden Hörgeräte überdeckt. Ihr weißer Kittel und die weißen Handschuhe hätten bei jemand anderem vielleicht streng gewirkt. Doch Ingeborg Krölke strahlt so viel Fröhlichkeit aus, dass man meint, man blicke direkt in die Augen eines jungen Mädchens.

„Meine Mutter war ein schickes Ding, groß und schlank und immer knallrote Fingernägel. Sie konnte nicht kochen, nicht backen, aber fuhr Auto und konnte Klavier spielen.“ In das von Ingeborgs Großeltern gepachtete Kino „Lindenpalast“ in Werder kommen damals oft bekannte Schauspieler zu den Vorführungen. Elegant gekleidet blüht die Mutter bei diesen Treffen förmlich auf. „Sie war wie ein Pfau im Hühnerhof,“ sagt Ingeborg Krölke kichernd und zupft die Finger eines Gummihandschuhs zurecht.

Trennung vom Vater

Doch nach dem Krieg ist alles anders. Die Vorführgeräte sind demontiert und das Kino geschlossen. Werder gehört nun zur russischen Besatzungszone und das Leben ist alles andere als fröhlich. Als der Vater 1945 aus dem Krieg zurückkehrt, beginnt der jedoch für die Menschen im Ort Musik zu machen. Der große, dunkelhaarige Mann lässt viele den düsteren Alltag vergessen, wenn er voller Lebensfreude Schifferklavier spielt, Step tanzt oder Shantys auf Englisch singt. Dies ist den Russen allerdings ein Dorn im Auge. Sie zwangsverpflichten ihn für die Bergwerksarbeit in Aue, von wo er bald danach in den Westen flüchtet. „Meine Mutter fuhr dann manchmal rüber zu ihm mit Wodka und kam mit grüne Heringe zurück. Das war damals ein begehrter Artikel,“ sagt Ingeborg Krölke mit dem typischen Berliner Dialekt, der keinen Dativ kennt.

1947 nimmt ihre Mutter sie einmal mit zu ihrem Vater, der mittlerweile in Hamburg wohnt. Als Bürger der sowjetischen Besatzungszone können sie nur illegal mit Schleusern über die schwach bewachte grüne Grenze in die Westzone außerhalb Berlins. Auf dem Hinweg geht alles gut, aber auf dem Rückweg werden sie von den Russen gestellt und verhaftet. Nach drei Tagen in einem Lager und einem Stempel im Reisepass, wagen sie es nicht, die Grenze noch einmal zu passieren – die Familie ist somit getrennt.

Ab 1948 wird auch in Westberlin die DMark der Westzone eingeführt. So gibt es plötzlich zwei Währungen in der Stadt. Schnell ist die Westmark doppelt soviel wert wie die unbeliebte Ostmark und wird zum wichtigen – aber illegalen – Tauschmittel.  Ingeborgs Vater schickt der Familie regelmäßig Geld auf ein Konto in Berlin, von dem die Mutter abhebt, um zu tauschen bzw. damit einzukaufen. Das ist verboten, und als sie eine Vorladung wegen Devisenvergehens erhält, ist klar, dass sie verhaftet werden soll. „Das war ein richtig schweres Vergehen,“ erläutert Ingeborg. „Sie wäre ins Zuchthaus und ich ins Heim gekommen“. Ihre Mutter will das auf jeden Fall verhindern.

Flucht in den Westen

So kommt es, dass Ingeborg 1955 mit ihrer Mutter in eine S-Bahn nach Berlin steigt im festen Glauben, es wäre ein normaler Besuch bei ihrer Tante in Neukölln. Doch als sie sicher im Westteil angekommen sind, eröffnet ihr ihre Mutter, dass sie nicht wieder zurückfahren werden. „Ich habe ein Riesentheater gemacht, ich hatte ja mein ganzes Leben in Werder verbracht, hatte meine Freundinnen dort und sollte nun alles nie wiedersehen.“ Ingeborg wehrt sich mit Händen und Füßen und wird schließlich von der Mutter und der Tante eingesperrt. „Ich musste schwören, nicht abzuhauen, erst dann haben sie mich wieder rausgelassen.“

Es ist tatsächlich anfangs nicht einfach für die Vierzehnjährige. Der Vater, den sie acht Jahre lang nicht gesehen hat, soll nun plötzlich zusammen mit ihnen in einem kleinen Zimmer in Rudow leben. Doch die anfängliche Befangenheit verfliegt schnell. „Mein Vater und ick verstanden uns auf Anhieb.“ Doch Ingeborg kann sich an die Großstadt nur schlecht gewöhnen. Ihr fehlen die Natur, der Sport, ihre Freunde. „Ich habe mich in Neukölln anfangs gar nicht über die Straße getraut bei dem Verkehr.“

Hinzu kommt, dass Ingeborg, die immer eine gute Schülerin war, im Westen kein Abitur machen kann. Ihr fehlen die Fremdsprachen, denn sie hat nur Russisch gelernt. Also beginnt sie eine Lehre als Industriekauffrau und verdient ihr erstes eigenes Geld – 75 Mark im ersten Lehrjahr. Die Arbeit macht ihr Spaß und nach drei Jahren darf sie bereits in der Finanzbuchhaltung arbeiten. „Ich war erst 18 und kriegte schon 320 Mark. Da war ich ganz stolz.“

Hochzeit, Kinder und Scheidungen

Über ihre Eltern lernt Ingeborg ihren ersten Mann Kurt kennen. Sie selbst findet ihn eigentlich uninteressant, aber die Neugier siegt. „Ich hatte ja keinen Freund und die Mädchen erzählten immer so viel,“ erinnert sich Ingeborg Krölke lachend. „Da ist es dann passiert und meine Tochter Martina war auch gleich unterwegs. Wir haben dann 1961 geheiratet.“ Sie heiratet nur, weil die Konventionen dies verlangen. „Ich wollte, dass mein Kind ehelich geboren wird, aber den Mann wollte ich nicht. Deshalb habe ich mich gleich wieder scheiden lassen.“ Ihre Eltern unterstützen sie mit ihrem Kind. Vor allem ihr Vater kümmert sich liebevoll um die kleine Martina, so als wolle er nachholen, was er bei seiner eigenen Tochter versäumt hatte.

Es ist auch ihr Vater, der Ingeborg zwei Jahre später mit dem Mann zusammenbringt, dessen Namen sie trägt: „Krölke“. „Er sah aus wie mein Vater – sehr gut aussehend.“ Er macht ihr an der Straßenbahnhaltestelle einen Heiratsantrag und will nicht eher einsteigen, bis er ihre Antwort hat. Doch Ingeborg lässt sich Zeit. Eigentlich wollte sie ja nicht mehr heiraten. Es ist seine Hartnäckigkeit, die dann doch ihren Widerstand bricht: „Ja gut, damit du endlich deine Bahn kriegst“, sagt sie schließlich. Sie heiratet 1964 zum zweiten Mal und bekommt 1967 eine zweite Tochter: Viola. 12 Jahre später lässt sie sich jedoch erneut scheiden. Der Mann ist als Fernmeldetechniker oft im Ausland und lässt sie mit den beiden Kindern allein. Als sie dann auch noch herausfindet, dass er mit ihren besten Freundinnen anbandeln wollte, zieht sie einen Schlussstrich. „Ich habe ihn zur Rede gestellt und ihm gesagt, bei mir ist bei sowat Feierabend.“

So konsequent sie ist, wenn sie merkt, dass eine Beziehung für sie nicht mehr funktioniert, so sehr glaubt sie aber immer noch, dass sie eines Tages den Richtigen finden wird. Und tatsächlich verliebt sie sich erneut. „Ich habe wirklich sehr, sehr schöne Jahre mit Norbert verbracht“, erinnert sich Ingeborg Krölke seufzend. Endlich hat sie ihre große Liebe gefunden, wie sie damals meint. Für Norbert wird sie zur Hausfrau, hat endlich genug Zeit für ihre Kinder und verwöhnt ihren Lebensgefährten so gut sie kann. „Der wusste ja nicht mal, wo ein Wasserglas steht. Ich habe ihm die Türen aufgemacht, wieder zugemacht und ihm seine Sachen hingelegt.“

Enttäuschung und Aufbruch

Lange scheint alles perfekt. Dann kommt ihr Partner plötzlich von einer Geburtstagsfeier nicht mehr nachhause. Vor Sorge wird Ingeborg fast verrückt. Irgendwann ruft er an, verlangt nach frischer Wäsche, die sie ihm ins Geschäft schicken soll, kommt aber nicht nachhause. Erst am dritten Tag erfährt Ingeborg von einem Freund, dass ihr Lebensgefährte mit einer anderen Frau zusammen ist. Ingeborg Krölke hält kurz inne beim Erzählen und sagt dann kichernd: „Manchmal denke ich heute, dass er sich nicht nachhause getraut hat, weil ich wohl mal im Freundeskreis gesagt habe, ich würde ihm bei Betrug im Schlaf sein Ding scheibchenweise abschneiden.“ Da ist es wieder, das junge Mädchen mit dem Schalk in den Augen.

1987 steht Ingeborg Krölke somit plötzlich auf der Straße. Der Mann ist weg, sie hat weder Wohnung noch Arbeit und sie weiß nicht, wie es weitergehen soll. In ihren alten Beruf der Finanzbuchhaltung kann sie nicht zurück, da dort mittlerweile Computer eingesetzt werden. Das hat sie damals nicht gelernt. Doch sie hat ein gutes Netzwerk von Freunden und Nachbarn. Als erste hilft ihr ihre Kosmetikerin, die ihr einen kleinen Aushilfsjob in ihrem Geschäft anbietet. Schon bald merkt Ingeborg, dass ihr dieser Beruf großen Spaß macht und sie Talent hat. Sie möchte unbedingt mehr darüber lernen. Also fährt eine Nachbarin mit ihr alle Ausbildungsschulen ab, bis sie sich für eine entschieden hat und mit 46 Jahren eine Ausbildung als Kosmetikerin und Fußpflegerin beginnt.

In dieser Zeit leidet Ingeborg immer noch sehr unter der großen Enttäuschung, die sie in ihrer Beziehung erlebt hat. Zwölf Jahre lang hatte sie keine Sorgen, war verliebt, reiste viel und ging in der Rolle der Hausfrau vollkommen auf. Jetzt fühlt sie sich wie betäubt. Doch sie sucht nach Möglichkeiten, um besser damit umzugehen und ist offen für Neues. Bei der Heilpraktikerin Yashi Kunz belegt sie Kurse zur Selbstheilung, Homöopathie, Fußreflexzonentherapie, zum autogenen Training und vor allem zur Meditation. Sie lernt, wie man gedanklich durch den ganzen Körper geht und dabei Zelle für Zelle anspricht. Die Beschäftigung mit sich und die Kontaktaufnahme mit ihrem Körper tun ihr gut, und sie meditiert auch heute noch jeden Tag mehrmals.

Vorher

1989 schließt sie ihre Ausbildung erfolgreich ab und kann im Mai 1989 bereits ihr eigenes Kosmetikgeschäft in der Lübecker Straße in Berlin-Moabit eröffnen. Es ist ein großes Projekt, das sie fast allein, bzw. mit der Unterstützung guter Freunde und natürlich mit Handwerkern stemmt. Das Ladengeschäft muss vollständig saniert und umgebaut werden. In einem Fotoalbum hat sie die Anfangszeit dokumentiert. Die grellen Tapeten aus den 70er Jahren hängen in Streifen von der Wand, dahinter das rohe Mauerwerk und überall Staub und Dreck. Die gesamte Ausstattung ist aus
den 60er Jahren und muss komplett ersetzt werden. Nach und nach entsteht aus den dunklen Räumen mit niedrigen Decken, ein einladendes helles Geschäft mit Spiegelschränken, Kronleuchter und Erinnerungsstücken von Reisen.

Vertrauen

Ingeborg Krölke ist voller Energie, doch die Selbständigkeit ist auch schwer. „Ich hatte ja praktisch kaum Geld und es war Glück, dass meine Lebensversicherung gerade fällig wurde. Die habe ich dann komplett ins Geschäft gesteckt.“ Sie ist fest davon überzeugt, dass die Dinge immer gut ausgehen werden – egal wie schwierig sie gerade scheinen. „Ich fühle mich immer beschützt und glaube fest an den Spruch meiner alten Tante: Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Diesen Spruch hat sich Ingeborg an die Wand gehängt. „Es gab schon so oft Situationen, wo ich dachte, oh Gott, Monatsende, Miete, Krankenkasse, Versicherung. Dir fehlt noch soundsoviel. Und dann habe ich gedacht, bleib ganz ruhig, es sind noch zwei Tage.“

In einem ihrer Behandlungsräume steht ein großer hölzerner Buddha. Immer, wenn Ingeborg Krölke mit einem Problem zu kämpfen hat, geht sie zu ihm und umgreift seine nach oben gereckten Holzhände. Sie empfindet dann tiefe Ruhe und Kraft und ist ganz bei sich. Sie ist überzeugt, dass neben guten Freunden auch er seinen Anteil daran hat, dass sie immer wieder wie durch ein Wunder aus finanziellen Engpässen gerettet wurde. „Immer, wenn ich mit ihm gesprochen hatte, kam plötzlich eine Kundin und wollte eine Sauerstoffbehandlung oder einen Wickel oder ein 10er-Abo – das sind meine teuersten Angebote. Da war ich dann jedesmal gerettet. Ick mach mir da heute gar keinen Kopp mehr.“

“Meinen Schnupfen habe ich am Wochenende.”

Allerdings verlässt sie sich nicht in allem auf Buddha, sondern weiß auch, dass vieles durch sie selbst entstanden ist. „Ich habe vor allem von meinem Vater viel gelernt. Er legte immer sehr viel Wert auf Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Fleiß. Er hat immer gesagt ‚des Soldaten Pünktlichkeit ist fünf Minuten vor der Zeit‘.“ Es sind wohl vor allem der Fleiß und das Durchhaltevermögen, die Ingeborg Krölke prägen. „Ich muss schon die Treppe runterfallen und mich nicht mehr bewegen können, dass ich im Bett bleibe. Aber ansonsten bin ich immer hier. Meinen Schnupfen habe ich am Wochenende.“ Warum sollte sie auch zuhause bleiben, wenn sie in ihrer Arbeit keine Belastung, sondern eine Bereicherung sieht? Sie möchte auf jeden Fall solange arbeiten wie möglich, wenn es geht, sogar noch zehn Jahre. Dann ist sie 87.„Ich bedaure all die Menschen, die wirklich denken, ach schon wieder Montag. Ich kann mir keinen schöneren Beruf als meinen vorstellen und komme immer gern in mein Geschäft.“

Ingeborg betreut viele ihrer Kunden schon jahrelang. Mit viel Einfühlungsvermögen berät sie junge Menschen zu ihren Akneproblemen oder verordnet manch älterem Herrn, er möge zu seinen Füßen „nett sein“ und sie ordentlich pflegen. „Da ist mein Alter ein Vorteil, denn ich kann auch mal schimpfen,“ sagt Ingeborg lachend. Zu ihren Kunden hat sie oft eine ganz besondere Beziehung, da viele ihr sehr private Dinge erzählen. Sie hilft bei allen Problemen so gut sie kann. Oft reicht schon ein gutes Gespräch oder jemanden in den Arm zu nehmen. „Einige kommen mit hängendem Kopf und wenn sie gehen, sind sie ein bißchen aufgemuntert. „Das macht mich glücklich!“

Die wahre Liebe

Ingeborg Krölke liebt die Menschen, das merkt jeder, der mit ihr zu tun hat. Kundinnen, die aufgrund ihres Alters nicht mehr kommen können, betreut sie zuhause oder in ihrem Pflegeheim weiter. Für andere, die direkt von der Arbeit zu ihr hetzen, kauft sie extra Brot ein, damit sie erst einmal etwas zu essen bekommen. Vor einiger Zeit hat sie eine Sammelaktion gestartet. In ihrem Geschäft steht ein Regal mit Büchern, die sie von ihren Kunden geschenkt bekommt. Gegen eine kleine Spende kann sich jeder etwas aussuchen. Mit diesem Geld unterstützt sie zwei Kitas in der Nachbarschaft, die davon Bastelsachen oder Spiele kaufen können.

Mit fast allem ist Ingeborg Krölke im Reinen – ihrem Beruf, ihrem Leben, ihren Kindern. Aber mit einem kann sie sich nicht abfinden: ihrem schlechten Gehör. In den stressigen Anfängen ihrer Selbständigkeit wurde ein Hörsturz nicht erkannt und somit nicht behandelt. Seitdem hört sie jedes Jahr schlechter. „Da klappt irgendwie die Zusammenarbeit mit Buddha nicht“, sagt Ingeborg lachend. „Ich weiß einfach nicht, was mir das Universum da beibringen möchte. Vielleicht Abschalten.“ Für sie ist das ein großer Kummer. Sie kann weder richtig Radio hören, noch ins Kino oder Theater gehen. Neuen Kunden sagt sie daher anfangs Bescheid, damit sie möglichst deutlich mit ihr sprechen. Und wenn sie einen Anrufer nicht versteht, reicht sie schon mal den Hörer an eine Kundin weiter, damit die für sie die Informationen aufnimmt. „Irgendwie komme ich schon klar. Ich weiß ja, ich kann da nichts dran ändern.“

Manchmal denkt sie noch daran zurück, wie hilflos sie sich fühlte, als ihre große Liebe sie verließ. „Heute denke ich, ich würde mich sehr gern bei ihm bedanken. Hätte er mich damals nicht verlassen, wäre ich nicht die, die ich heute bin.“ Durch ihn hat sie ihre wahre Liebe erst gefunden. Und die hält nun schon fast 30 Jahre: Ein selbstbestimmtes Leben in ihrem Traumberuf.

Ingeborg Krölke trifft man hier:

Fußpflege u. Kosmetisches Institut Ingeborg Krölke
Lübecker Str. 44
10559 Berlin

Tel / Fax: 030 3941244

Leonie von Arnim

Leonie von Arnim (45) wusste lange nicht, wer sie eigentlich ist. Als Teenager hing sie als Punk in U-Bahnstationen ab. Später wechselte sie zu Siegelring und Perlenkette und tanzte mit dem deutschen Adel. Ihr Kreativität lebte sie als Bühnenbildnerin an verschiedenen Theatern aus, bevor sie später Burger und Kosmetik in Szene setzte. Nach einer Sinnkrise ist sie heute endlich bei sich angekommen und arbeitet als integrative Gestalttherapeutin und Heilpraktikern für Psychotherapie in Berlin. 

Leonie von Arnim ist eine große Frau. Dennoch blickt sie nicht herab. Ganz im Gegenteil: Leonie blickt in Menschen hinein. Sie tut es ganz unbewusst, doch ihr offenes Lächeln und ihre hellen freundlichen Augen lassen einen nicht so einfach los. Alles an ihr lädt ein, will kennenlernen, will verstehen und nimmt an. So versteht sie sich auch: „Ich glaube, dass sich jeder Mensch im Grunde öffnen möchte. Ich biete das gern an, aber verurteile auch niemanden, der es nicht tut.“

Die geborene Hamburgerin hat ihr Interesse an den Menschen mittlerweile zu ihrem Beruf gemacht. Als Gestalttherapeutin bietet sie Unterstützung an, um zu sich selbst zu finden und so zu leben, wie es sich richtig anfühlt. Diesen Prozess hat sie selbst sehr intensiv durchlebt, denn viele Jahre wusste sie nicht so genau, wer sie ist und wo sie hingehört. Leonies Eltern stammen beide aus Familien mit langer Tradition – ihr Vater aus der preußischen Adelsfamilie der „von Arnims“ und ihre Mutter aus einer hanseatischen Bankiersfamilie. Es fällt schwer, sich Mustern und Werten zu entziehen, wenn diese seit Jahrhunderten unbewusst weitergegeben werden. „Im Vordergrund stand bei uns immer, die Familie möglichst gut nach außen darzustellen. Dabei ging es um Macht, keine Gefühle zu zeigen, stark zu sein und zu leisten.“

Leben in New York

Was man tun durfte und was nicht, war klar begrenzt. „Als meine Mutter Journalismus studieren wollte, musste sie meinem Vater versprechen, sich weiter zu pflegen – also die Nägel zu lackieren – und nicht zu verwahrlosen.“ Dieser Einblick in das Weltbild von Leonies Vater lässt erahnen, wie eng die Grenzen der Freiheit gezogen waren und wie schwer es war, sie zu durchbrechen. Als Leonie ein Jahr alt ist, wird der Vater beruflich nach New York versetzt und die Familie zieht mit ihm nach Amerika. Mit der räumlichen Distanz zu Deutschland – und somit zur Familie – gibt es mehr Spielraum für ein etwas anderes Lebensmodell. Die Mutter arbeitet dort als Korrespondentin für das deutsche Magazin ART.

Leonie hat Glück, denn sie besucht in New York erst einen Montessori Kindergarten und später eine reformpädagogische Schule. Dort kann sie ihre Kreativität voll entfalten, spielt Theater und lernt mit den Händen zu gestalten. Zudem wächst sie eng verbunden mit der Natur auf, da sie viel Zeit im Haus ihrer Eltern auf dem Land verbringt. Insgesamt lebt Leonie zehn Jahre in New York. Ihre Mutter lässt sich scheiden, als sie sich neu verliebt und kehrt schließlich mit der inzwischen elfjährigen Leonie und ihrem neuen Mann nach Deutschland zurück.

Kulturschock in Bayern

Der Kulturschock ist groß, als ihre Mutter sie in ein typisch bayerisches Gymnasium in München einschult. Leonie kann zu diesem Zeitpunkt zwar Deutsch sprechen, nicht jedoch richtig schreiben oder lesen und kennt vor allem niemanden. „Ich war sehr einsam, habe mich total unwohl gefühlt und meine Freunde vermisst. Ich war völlig orientierungslos.“ Auf der Suche nach Freunden probiert Leonie einiges aus. Sie rasiert sich mit vierzehn einen Teil ihrer Haare ab, stellt sie hoch und wird zum Wave-Fan. Sie hängt mit Punks in der U-Bahn ab und hat zwar endlich eine Art Freundeskreis, aber einen, der mit Drogen und Alkohol experimentiert.

Kaum vorstellbar, wenn man Leonie heute trifft. Ihre langen welligen, weißmelierten Haare hat zu einem kleinen Dutt gesteckt, aus dem sich jedoch viele Löckchen einfach wieder herauskringeln. Ihre Kleidung ist leger, denn weder Hose noch Bluse dürfen sie einengen, wenn sie bei ihren Gestalttherapiesitzungen auf einem kleinen Kissen oder im Schneidersitz auf dem Boden sitzt. Doch bis sie zu der wurde, die sie heute ist, war es ein langer Weg.

Bühnenbildstudium 

Leonie lässt sich wenig Zeit, um herauszufinden, was sie beruflich machen möchte. Sie glaubt schon mit 16, sie müsse sofort ihren Weg kennen, um ihn dann zielstrebig verfolgen zu können. Da wäre der Weg in die freie Kunst, denn sie malt schon seit Jahren regelmäßig im Atelier einer Künstlerfreundin ihrer Mutter. Ihre Eltern lieben ihre Bilder und unterstützen sie in ihrer Kreativität, doch vor allem ihr Vater wünscht sich nicht, dass sie tatsächlich Künstlerin wird. Leonie empfindet einen sehr starken inneren Druck, etwas zu finden, dass auch ihren Eltern gerecht wird. Es sollte ein Kompromiss sein zwischen freier Kunst und einer Tätigkeit, mit der sie Geld verdienen kann. Als ihr Cousin Philipp stirbt, fällt Leonie spontan die Entscheidung: „Ich studiere Bühnenbild.“ So wie ihr Cousin. „Ich wusste plötzlich, es ist genau das Richtige für mich.“

Doch nie zuvor hatte sie sich richtig damit auseinandergesetzt. Um sich einen Eindruck zu verschaffen, geht sie nach Berlin und macht  nach dem Abitur ein Bühnenbildpraktikum am Residenztheater. Es ist eine harte Zeit mit Höhen und Tiefen, aber durch das Praktikum reift in ihr die Entschlossenheit, das Studium wirklich anzugehen. „Ich habe mir gesagt, ich mach das jetzt. Eine Mischung aus Bauchgefühl und Unflexibilität“, sagt Leonie lachend. Während des Praktikums hat sie bereits eine Bewerbungsmappe vorbereitet und stellt sich damit 1993 bei der Kunsthochschule Berlin Weißensee vor. Es ist ihre erste und einzige Bewerbung. Nach einer dreitägigen praktischen Prüfung, bei der sie ein Bühnenbild baut und dabei wahnsinnigen Spaß hat, wird sie angenommen und zieht ganz nach Berlin.

In dem dann folgenden fünfjährigen Studium lernt sie Zeichnen, Dramaturgie, handwerkliches Gestalten sowie Aspekte der Kunstgeschichte. Leonie liebt das Studium und ist glücklich über ihre Entscheidung. Sie lernt, wie man Stücke interpretiert und sie räumlich übersetzt, wie man über Farben,  Größenverhältnisse, Symbolik oder Gegenstände eine eigene Geschichte erzählen kann. „Es geht nicht darum, etwas nur zu bebildern, sondern eine eigene Dramaturgie zu schaffen.“

Dieses Gefühl für Raum, Dramaturgie und das Hineinversetzen in Figuren bzw. Menschen begleitet sie bis heute intensiv in ihrer Therapiearbeit. Im Gespräch lässt sie die Gefühle gemeinsam mit ihren Klienten zu surrealen Bühnenbildern werden, die mit eigener Symbolik der inneren Bilder arbeiten – die innere Stimme, die einen antreibt wie eine Peitsche, das Gefühl der Unfreiheit als bedrückend kleiner Raum, Nähe und Distanz, Beziehungen dargestellt über Kissen. Leonie hat die besondere Fähigkeit, die ineinander verflochtenen Gefühle zu entwirren. Damit schafft sie Klarheit und erzeugt neuen Antrieb, um eine neue Richtung einzuschlagen.

Erste Schritte auf der eigenen Heilungsreise

Ihr eigener Veränderungsprozess beginnt während des Studiums. Vor allem kommt sie in dieser Zeit mit ihrem zukünftigen Mann Martin zusammen, die „Liebe ihres Lebens“ wie sie sagt. Aber es plagen sie auch unerträgliche Kopfschmerzen, die ihr fast den Lebensmut nehmen. Sie konsultiert viele Ärzte, unterzieht sich zahllosen Untersuchungen, doch eine körperliche Ursache wird nicht gefunden. Erst als ihre Mutter ihr eine Therapeutin empfiehlt, geht sie auf „Heilungsreise“, wie sie es nennt. Es ist zuerst eine Gesprächstherapie, die ihr hilft, die ersten Schritte zu gehen, um herauszufinden, was sie wirklich will und immer mehr ihre eigene Wahrheit zu leben. Sie führt auch dazu, dass sich Leonie nach und nach von ihrer Familie löst, deren Werte und Vorstellungen sie bislang dominiert hatten. Mit Craniotherapie und der Unterstützung durch einen anthroposophischen Schmerztherapeuten schafft Leonie es schließlich, dass der Kopfschmerz sie nicht mehr beherrscht.

Nach dem Studium arbeitet Leonie als Bühnenbildnerin und Szenenbildnerin an verschiedenen Theatern, beim Film und in der Werbung. Sie fühlt sich inspiriert von den kreativen Herausforderungen, ist aber auch sehr eingespannt. Sie muss viel reisen, arbeitet nachts und fühlt sich mit der Zeit  in den Theater- und Filmstrukturen nicht mehr wohl. Wie sehr sie das anstrengt, merkt sie, als ihr Sohn Elias 2005 geboren wird, denn sie ist dankbar für die Arbeitspause. Nach der Geburt ihrer Tochter Nelly 2008 beschließt Leonie, nur noch Werbeprojekte zu machen, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben. Doch ihr wird schnell klar, dass ihre Kreativität und ihre Begeisterung für Inhalte dort nur sehr wenig Platz haben. Die Arbeit fällt ihr immer schwerer, und sie versucht daher einen Kompromiss, indem sie sich aus der eigentlichen Produktion zurückzieht. „Ich habe dann nur noch Beispielbilder und -szenen für die geplante Werbung gesucht und Vorschläge zu Lichtstimmung, Schauspielern, Ausstattung von Szenen und Kameraeinstellungen in sogenannten „Moodboards“ erstellt.“

Etwas Neues ausprobieren

Doch immer öfter fragt sie sich: „Was mache ich hier eigentlich?“. Sie sieht keinen Sinn mehr darin, über Dinge wie die Tonalität von Käse auf einem Burger nachzudenken. Zudem arbeitet sie für Marken, deren Werte sie zutiefst ablehnt. Ihr Körper reagiert mit Angstzuständen, Enge in der Brust und Rückenschmerzen. In ihr staut sich mehr und mehr Abscheu und Wut. „Ich bin durch die Wohnung gelaufen und hab ganz laut geschrien, um mich abzureagieren und eines Tages wusste ich, ich kann es nicht mehr.“ Sie hatte das starke Gefühl, dass sie nicht auf der Welt ist, um „das“ zu machen.

Doch was kann sie stattdessen tun? Leonie spürt den inneren Impuls, dass sie im Einklang mit ihren Werten Transparenz, Ehrlichkeit, Offenheit, Liebe und Authentizität leben möchte, weiß aber nicht, wie sie das erreichen kann. Sie probiert vieles aus, geht zu Schamanen und Körpertherapeuten und merkt wie sehr die Arbeit mit Menschen sie fasziniert. Intuitiv beschließt sie, zunächst selbst eine Coachingausbildung zu machen. Bei Hanne Edling lässt sie sich zur psychologischen Beraterin und zum Coach ausbilden und beginnt dann die Ausbildung zur integrativen Gestalttherapeutin und zur Heilpraktikerin für Psychotherapie. Beides schließt sie 2013 ab.

Bei diesen Entscheidungen folgt sie hauptsächlich ihrem Gefühl, hat keinen konkreten Plan, sondern lässt alles auf sich zukommen. Für Leonie ist es zunächst schwer und ungewohnt, dies auszuhalten. Bisher hat sie Dinge sehr zielstrebig und geradlinig verfolgt, um dann schnell Erfolge zu erzielen – eine Denkweise, die sie von ihrer Familie übernommen hat. „Ich weiß noch, wie ich am Anfang dieses Übergangs, als ich keinen richtigen Beruf hatte, auf keine Party gehen wollte. Ich wusste nicht mehr, über was ich mich definieren sollte.“

Im Einklang mit sich selbst

Doch diese Unsicherheit verschwindet mehr und mehr. Leonie versteht, dass es ihr um etwas anderes geht. Sie muss sich nicht mehr definieren über Erwartungen von ihr oder anderen an sich selbst. Sie möchte einfach ihr ganzes Leben und den Beruf im Einklang mit ihren Werten gestalten. Sie möchte sich Zeit nehmen, um sich selbst kennenzulernen und möchte es schaffen, sich zu zeigen genauso, wie sie ist. Auf ihrem Weg gibt sie sich nach und nach immer öfter die Erlaubnis, einfach sie selbst zu sein. Und sie erlebt, dass sie sich dadurch immer freier und unbeschwerter fühlt. „Es ist eine Haltung, die mein ganzes Leben betrifft. Meinen Umgang mit mir, meine Beziehungen, meinen Blick und mein Wirken in der Welt.“

Wo Leonie früher meinte, kontrollieren zu müssen, vertraut sie heute darauf, dass ihr eigener Rhythmus und ihre Art, an Dinge heranzugehen, genau die richtigen sind. Sie erlaubt sich ihr eigenes Tempo, folgt ihrer Intuition und hat sich gelöst von veralteten, fremden Ideen, die bisher ihr Leben bestimmten.

Seit drei Jahren hat Leonie ihre eigene Praxis für Gestalttherapie in Berlin-Mitte. Es ist ein Raum in ihrer Familienwohnung, den sie mit viel Liebe und Sinn für Ästhetik nach ihren Vorstellungen eingerichtet hat. Sie glaubt fest daran, dass Schönheit einer Umgebung einen wichtigen Einfluss auf Heilungsprozesse haben kann. Auf der Erde liegt ein Teppich in warmen Rot- und Orangetönen, in einer Ecke stapeln sich Kissen in allen Farben und Größen. Ein dunkles Holzsideboard mit vielen kleinen Schubladen ist dekoriert mit einem Gesteck aus verschiedenen Gräsern und blühenden Nelken. Daneben glitzernde Mineralien vor einer indischen Statue, geschmückt mit Ketten und Vogelfedern. An der Wand hängen bunte Zeichnungen und auf dem Fenstersims steht ein kleines Wollschwein, das Leonies Sohn Elias gehäkelt hat. Die Sonne wirft helle Lichtstreifen auf zwei Stühle mit weißen Schaffellen.

Es ist Leonies Bühne. Sie hat sie für sich selbst inszeniert, um ein sinnvolles Leben zu führen und ihre Vision zu leben, den Menschen zu dienen.


Leonie von Arnim bietet individuelle Gestalttherapiestunden, aber auch Gruppenveranstaltungen für Frauen an. Gemeinsam mit ihrer Freundin Susanne Feld veranstaltet sie Wochenend-Retreats in Brodowin und Abend-Retreats im Zentrum für Alexandertechnik in Berlin.

Siehe auch: http://www.leonievonarnim.com/termine/

Kontakt:

Leonie von Arnim
Gestalttherapie, Coaching, Heilpraktikerin für Psychotherapie
Koppenplatz 11
10115 Berlin

Mobil: 0172 304 88 81
Web: www.leonievonarnim.com
Facebook: https://www.facebook.com/leonievonarnim.gestalt/

Fotos: Meike Kenn und Leonie von Arnim

Petrus Akkordeon

Der Berliner Künstler Petrus Akkordeon verbrannte früher Bücher und warf Farbeimer aus Unifenstern. Heute pflanzt er Blumen auf unwirtlichen Verkehrsinseln und liest Gedichte unter Autobahnbrücken vor. In einer einjährigen Kunstaktion versucht er zum Hirsch zu werden und irritiert damit Schamanen, Jäger und Juristen.

Petrus Akkordeon steht mit einer Axt im Souterrain einer alten Villa in Berlin-Lichterfelde. Der Kontrast könnte nicht stärker sein: Oben das hochherrschaftliche Haus mit Fresken am Eingang, hohen Fenstern und einer weiß leuchtenden Fassade und unten die niedrigen Räume von Petrus. Seit seiner Geburt hat er hier gelebt – als jüngstes Kind seiner Eltern mit Bruder Roland und seinen Schwestern Pia und Daniela. Seine Freundin Tanja gesellte sich nach der Schulzeit ebenfalls dazu. Diese Zeit endet heute. Denn heute ist der Tag, an dem Petrus sein Atelier zerhackt. Die Räume, in denen der 46-Jährige sein ganzes Leben verbracht, gezeichnet, illustriert und gedichtet hat, wird er heute verlassen. Er hat letzte Weihnachten die Kündigung bekommen – die Frist ist nun abgelaufen. Die Villa wird saniert und umgebaut – der über 100jährige Garten muss einem Neubau weichen.

„Ich habe 30 Jahre lang als Butler und Gärtner für Margret, die alte Dame oben, gearbeitet“, sagt Akkordeon und zeigt mit dem Finger an die Decke. Ihr fühlte sich Petrus sein Leben lang menschlich sehr verbunden, und sie behandelte ihn wie ein Familienmitglied. Doch letzten September fand Petrus die 86-Jährige sterbend in ihrem Zimmer auf dem Boden. „Nun braucht sie mich nicht mehr“, sagt Petrus leise. „Ich hatte Margret versprochen, dass ich mich bis zu ihrem Tod um sie kümmere.“ Mit Margret hat er nicht nur einen sehr nahestehenden Menschen verloren, sondern gleichzeitig seine Wohnung und seine Arbeit.

“Meine Kindheit war so Scheiße, dass mir die jetzige Situation leicht fällt”.

Sein Atelier, in dem er in gefährlich schwankenden Stapeln seine Kunst aufbewahrt hatte, ist nur noch ein Trümmerhaufen. Über tausend Bilder hat er nicht unterstellen können, als er aufgrund der Räumungsfrist ausziehen musste. Sie wurden nun zerstört. Für jemanden, der kein einziges seiner Kunstwerke je weggeworfen hat, ist dies eine harte Probe. Da Petrus gerade eine dreijährige Ausbildung zum Altenpfleger begonnen hat, blieb ihm einfach keine Zeit, alles auszuräumen. „Ich stehe morgens um halb fünf auf, fahre zur Arbeit, arbeite acht Stunden oder mache Doppelschichten und habe auch noch ein Pferd, um das ich mich kümmern muss.“ Doch Petrus findet trotz allem, dass er es besser als andere hat: „Meine Kindheit war so Scheiße, dass mir die jetzige Situation leicht fällt, weil ich ja trainiert bin.“

Wenn Akkordeon von seinem Leben erzählt, hat man Mühe ihm zu folgen. Zu viel scheint passiert, um es lange zu erklären. Jeder seiner knapp formulierten Sätze erzeugt Erstaunen und weckt Zweifel. Sein Vater ein Fremdenlegionär, die eine Schwester Sängerin, die andere fast taub, sein Bruder ein Tattookünstler, seine Oma psychotisch, die Mutter dement, er selbst Veganer, Butler, Künstler, Guerilla-Gärtner und nun angehender examinierter Altenpfleger. Für Akkordeon ist das Anderssein das Normale.

“Entweder werde ich Künstler oder ich bringe mich um”.

Akkordeon lebt schon als Kind in seiner eigenen Welt der Kunst. Das reale Familienleben hingegen wird vom Vater beherrscht. Der alkoholkranke französische Ex-Fremdenlegionär kehrt traumatisiert aus dem Algerienkrieg zurück und kommt als Alliierter nach Berlin. Als ein Freund in seinem Beisein von einer gerissenen Panzerkette enthauptet wird, verlässt er die Armee. Er ist mehrfach traumatisiert, psychisch krank und nun sogar obdachlos. Auf einer Bank vor einer Kirche in Berlin-Steglitz trifft er Petrus’ Mutter, die ihn später heiratet. Zukünftig wird die ganze Familie unter ihm leiden, da er täglich seine Kriegstraumata neu durchlebt.

Abgehackte Köpfe und verbrannte Menschen

„Er hat uns von abgehackten Köpfen und Menschen erzählt, die die Soldaten mit Flammenwerfern verbrannt haben, weil sie ihnen kein Wasser geben wollten. Ich habe mir das als Kind jeden Abend anhören müssen“, sagt Petrus. „Immer wieder hat er auch gedroht, uns umzubringen.“

Doch die Mutter wagt nicht, den Mann zu verlassen, da sie fürchtet, er würde seine Morddrohungen dann wahr machen. Akkordeon lernt, Wut und Trauer nicht zu zeigen, um den Vater nicht zu provozieren. Er malt und zeichnet stattdessen exzessiv und schläft teilweise nur drei Stunden am Tag. Solange er malt, ist er Künstler, kann selbst entscheiden, was er tut. Seine Werke signiert er je nach Stimmung mit wechselnden Namen und absurden Jahreszahlen – hier hat er die Kontrolle, nicht der Vater.

In der Pubertät schlägt Angst in Hass um, Akkordeon will sich physisch wehren. „Ich habe mir eine Axt gekauft und sie ständig am Gürtel getragen.“ Er trainiert sogar für den möglichen Kampf und entschließt sich dann doch aus Vernunft dagegen. „Ich folge meinen Gedanken immer bis ins Extremste, weil ich das spannend finde. Aber dann setze ich sie nicht in die Tat um.“ Als sein Vater von ihm verlangt, eine Lehre zu beginnen, revoltiert er und droht in einer Sprache, die der Vater versteht: „Entweder werde ich Künstler oder ich bringe mich um.“ Diesen Kampf gewinnt Akkordeon, der zu diesem Zeitpunkt noch Jean-Pierre Batailde heißt.

Er beschließt, Petrus Akkordeon zu sein

Mit 18 trennt sich Akkordeon von dem verhassten Namen des Vaters und beschließt, Petrus Akkordeon zu sein. „Ich habe mir einfach eine neue Biografie erbaut, die mir gefallen hat.“ Die Entscheidung fällt, während er im Schulunterricht den Film „Panzerkreuzer Potemkin“ sieht und dabei einen Akkordeon spielenden Matrosen zeichnet. Wie so oft bei ihm, klingt auch diese Geschichte frei erfunden, aber das Bild mit dem Matrosen gibt es tatsächlich. Er hat es in Großbuchstaben mit Akkordeon signiert. „Ein Sammlerstück für meinen späteren Weltruhm“, wie er augenzwinkernd sagt.

Druck von Petrus AkkordeonAkkordeon fällt bereits in seiner Schulzeit mit ungewöhnlichen Aktionen auf. Ihn fasziniert, wie man Sichtweisen und dadurch die Realität verändert. Als 1990 sein Vater stirbt, will Akkordeon den Tod besser verstehen. Er bringt an einem Freitag einen großen Rinderknochen in die Schule und legt ihn in eine Glasvitrine der Kunst-AG in die Sonne. Die Vitrine schließt er ab. Am Montag zieht Verwesungsgeruch durch die Schule und die Lehrer sind empört. Akkordeon weigert sich eine Woche lang, die Vitrine wieder aufzuschließen. Er will unbedingt etwas sichtbar machen, was man sonst nicht sehen würde und nimmt dafür jeden Ärger in Kauf.

Alltägliches in Kunst verwandeln

Dieser Ansatz zieht sich bis heute durch viele seine Aktionen, die mittlerweile jedoch deutlich weniger provokant sind. Heute will er vor allem Alltägliches in Kunst verwandeln, den Alltag „poetisieren“. Er bietet dazu Spaziergänge in der Natur an, bei denen die Teilnehmer Gedichte verfassen sollen, um sie den Bäumen vorzulesen. Oder er liest wie beim Internationalen Literaturfestival „Radaugedichte“ unter einer Autobahnbrücke vor, die keiner versteht, weil der Verkehrslärm darüber brüllt. Akkordeon erzeugt durch seine absurden Aktionen einen neuen Blick auf Orte, an denen man sonst unachtsam vorbei gehen würde. Den kommerziellen Erfolg sucht er damit nicht, denn für ihn ist die Kunst selbst das Wichtige.

“Wenn ich etwas behaupte, dann ist es eben da”.

Doch Erfolg stellt sich manchmal unerwartet ein. Als er beginnt, zu spontanen Pflanzaktionen auf hässlichen Berliner Verkehrsinseln und anderen öffentlichen Orten aufzurufen, interessieren sich die Medien plötzlich für ihn. Denn „Guerilla-Gardening“ ist gerade en vogue und klingt gefährlich. Akkordeon erhält Anfragen aus der ganzen Welt, wird gefilmt mit Spitzhacke und Spaten am Potsdamer Platz oder am Reichstag und erntet Geraune, wenn er den Journalisten mit hochgezogenen Augenbrauen von den „hohen Strafen für illegales Pflanzen“ erzählt. Akkordeon spielt gern mit den Erwartungen der Journalisten und führt sie damit gleichzeitig in die Irre. Niemand kann bei ihm sicher sein, dass er nicht unvermittelt selbst zum Kunstobjekt wird. Auch sein „Journalistengarten“ ist so entstanden. Als er merkt, dass Reporter immer wieder fragen, ob er ihnen eine verbotene Aktion an einem interessanten Ort zeigen könne, führt er sie an den unspektakulären Teltowkanal im abgeschiedenen Südberlin. Er lässt sie am Kanal selbst zur Schaufel greifen. Indem sie graben, säen, filmen und fotografieren, schaffen sie sich ihre Aktion selbst und merken es gar nicht. Akkordeon ist sich sicher: „Wenn ich etwas behaupte, dann ist es eben da“.

Denk dir einen Würfel – und denke ihn wieder weg

Ursprünglich wollte Akkordeon freie Künste an der Hochschule der Künste (HdK, heute UdK) in Berlin studieren, wurde jedoch abgelehnt. 1992 erhält er einen Studienplatz für Kunstlehrer und trifft in seinem Studiengang auf Professoren, die eher die Techniken der Kunst vermitteln wollen. Sie legen den Kunstbegriff sehr eng aus. Für Akkordeon kann jedoch Kunst durchaus etwas sein, das nur in der Vorstellung existiert. Seiner Dozentin Britta Clausnitzer präsentiert er in einem Seminar ein Kunstwerk in Form eines reinen Textes: „denk dir einen würfel mit der kantenlänge von einem meter, er schwebt in deiner augenhöhe in einem abstand von einem meter und dreht sich sehr langsam im uhrzeigersinn um seine eigene achse. komme in 24 stunden wieder hier her und denke ihn weg.“

Die Malerin Clausnitzer sieht darin Kunst, die jeden Betrachter verführe, die Welt durch eigene gedankliche Assoziationen neu zu schaffen und zu poetisieren. Doch nicht alle sehen dies so. Einige Professoren lehnen es strikt ab, Akkordeons Kunst anzuerkennen. Doch trotz aller Anfeindungen ist Akkordeon absolut überzeugt von seiner Arbeit. „Petrus fand es grundsätzlich unter seiner Würde, seine Kunst zu erklären“, sagt Clausnitzer und lacht. „Er empfand es eher als Affront, dass Kunstprofessoren ihr eigenes Fach nicht verstanden.“

F. W. Bernstein: “Ich bin immer noch ein großer Bewunderer von ihm”.

F.W. Bernstein

F.W. Bernstein signiert „Zack die Ente“

Akkordeon polarisiert. Mit wildem Bart, langen Haaren, einer weiten weißen Hose mit Farbflecken und einer Axt am Gürtel stößt er in dieser Zeit häufig auf Ablehnung. Zudem wirken viele von Akkordeons Aktionen provokativ. So wirft er beispielsweise Farbeimer aus dem Fenster des ersten Stocks in den Hof der Universität. Oder er zündet vor den Augen der entsetzten Professoren im Lehrerseminar Bücher an, weil er eine Diskussion über das Bücherverbrennen anstoßen will. Der bekannte Titanic-Karikaturist F.W. Bernstein, der Akkordeon an der Uni unterrichtet, beschreibt ihn als einen „unglaublich produktiven und dabei kompromisslosen Künstler“, der jedoch nicht aktiv die Provokation suchte. „Akkordeon machte Kunst einfach so, wie er sie für richtig hielt und nahm dabei keinerlei Rücksicht auf mögliche Konsequenzen. Ich bin immer noch ein großer Bewunderer von ihm.“

1999 gründet Akkordeon gemeinsam mit Freunden an der HdK den „Kunstkampfverlag“, der den „antikommerziellen Weltruhm“ zum Ziel hat. Gemeinsam mit seinem Künstlerfreund Georg Kakelbeck produziert er jede Woche ein Heft mit eigenen Zeichnungen und Lyrik, das sie auf Schwarz-Weiß-Kopierern herstellen und in Minimalauflagen von zehn Stück auf den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt anbieten – mit mäßigem Erfolg, aber dadurch tatsächlich strikt antikommerziell.

Von dem jungen Wilden mit Axt im Gürtel, ist heute nichts mehr zu erkennen. Akkordeons lockige dunkelbraune Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden, sein Bart ist gepflegt und er trägt eine Jeans und einen dunklen Pullover zu schwarzen Outdoorstiefeln. Seine Augen haben etwas Sanftes und gleichzeitig Schalkhaftes, wenn er von seinen Kunstprojekten erzählt. Das Studium hat er schließlich 2003 nach zehn Jahren beendet, als der Fachbereich Kunstpädagogik aufgelöst wurde.

Petrus Akkordeon mit Hirschmaske auf seinem Pferd Norman.

Petrus Akkordeon mit Hirschmaske auf der Stute Butternase.

Der Mann, der ein Hirsch werden wollte

Akkordeon arbeitet künstlerisch hauptsächlich mit der Darstellung von Tieren, sowohl in seinen Zeichnungen als auch in Gedichten. Mit wenigen Pinselstrichen bringt er sie humorvoll und ausdrucksstark aufs Papier oder drückt seine Verbundenheit in Gedichtzeilen aus: „Überall sind diese Leute, gestreifte Wesen. Manchmal wäre ich gern ihr Freund. Möchte mich an ihnen reiben bis sie krallenscharf mich Nähe lehren.“ Vielleicht ist es diese Sehnsucht nach Nähe, die ihn 2009 auf den Gedanken bringt, in einem einjährigen Kunstprojekt das Hirschwerden zu probieren. Den Startpunkt legt er auf seinen Geburtstag, den 27. September – eine Wiedergeburt als Hirsch. „Wie man ein Hirsch wird“ ist für Akkordeon eine der schönsten, aber auch eine der schwierigsten Aktionen, die er je gemacht hat. Sie vereint seinen Wunsch, Realität allein durch Vorstellungskraft zu verändern mit seinem Talent, Menschen dazu zu bringen, seine Vorstellungswelt zu teilen. Akkordeon geht das Projekt ganz pragmatisch an. „Ich habe mir überlegt, was man braucht, um ein Hirsch zu werden und habe dann im Internet nach Angeboten gesucht.“

Wie es ist, vier Beine und ein Geweih zu haben

Nach anfänglicher Skepsis lassen sich tatsächlich einige „Experten“ auf ein Gespräch mit Akkordeon ein. Sie alle setzen sich mit dem Gedanken auseinander, es wäre tatsächlich möglich, sich in einen Hirsch zu verwandeln. Selbst eine Tierärztin, die als Naturwissenschaftlerin sicher nicht an Illusionen glaubt, gibt ihm praktischen Rat: Er solle sich einen Lebensraum suchen, der für Hirsche zum Schlafen und Essen geeignet wäre. Und mit einem Juristen, der sich sonst mit trockenen Paragraphen beschäftigt, führt Akkordeon eine ernste Diskussion darüber, ob man als Mensch seine Menschenrechte abgeben und gegen den Tierstatus tauschen könne. Als eine Jägerin überrumpelt zugibt, dass sie Akkordeon für einen Hirsch halten könnte, wenn sie einen Hirsch erwarten würde, hat Akkordeon sein Ziel erreicht: Jemand hat ihn tatsächlich als Hirsch gesehen, wenn auch nur für kurze Zeit.

Auch er selbst denkt sich hinein in das Hirschsein, stellt sich vor, wie es im Alltag wäre, vier Beine und ein Geweih zu haben. Das geht so weit, dass er nicht mehr Auto fährt, weil ihn sein Geweih dabei stört. Außerdem ernährt er sich vegan wie Hirsche auch. Nach einem Jahr und weiteren Gesprächen mit dem Berliner Wildtierexperten Derk Ehlert, einem Schamanen, einem Philosophen und einer Reiki-Meisterin, schließt er sein Projekt schließlich offiziell ab.

“Ich fühle mich immer noch wie ein Hirsch”.

Zeichnung von Petrus Akkordeon zum Thema "Hirsch"

Zeichnung von Petrus Akkordeon zum Thema „Hirsch“

Doch scheint die Aktion für Akkordeon noch nicht wirklich beendet zu sein. „Ich fühle mich immer noch wie ein Hirsch“, sagt er und betrachtet nachdenklich seine Füße auf dem Boden. „Und mir wächst langsam ein Geweih“. Er hebt den Kopf und sein Blick lässt keinen Zweifel zu. In der Vorstellung ist es plötzlich da: braun und mit spitzen Verzweigungen, schwebend über seinem Gesicht. Akkordeon lächelt zufrieden, ganz mit sich im Reinen.

Wenn es für ihn soweit ist, wird er einfach beschließen, etwas ganz anderes zu sein – ein Haselnussstrauch zum Beispiel.

Bücher von Petrus Akkordeon

1999 erschien das erste Buch „Der Froschkönig“ mit Gedichten und Zeichnungen von Petrus Akkordeon bei der edition wasser im turm.berlin.  Seitdem sind es bereits über fünfzig Bücher geworden, die unter anderem im Verlag Corvinus-Presse von Hendrik Liersch erschienen sind. Darunter „Zack die Ente“ mit Gedichten von F.W. Bernstein und Illustrationen von Petrus Akkordeon (2017).

Seine Bücher bekommt man u.a. bei: Corvinus-Presse , edition wasser im.turm.de, andante presse berlinmückenschweinverlag Stralsund, Verlagshaus Berlin.

Kontakt: pakkordeon@web.de
und auf Facebook: https://www.facebook.com/petrus.akkordeon

Sabine Zinc

Sabine Zinc (56), sagt von sich, sie sei eine echte „Ostbraut“. Sie lacht für ihr Leben gern, obwohl sie nicht immer viel Grund dafür hatte. Ihre Mutter akzeptierte sie nicht, ihre Tochter bekam Krebs, eine Partnerschaft ging aufgrund von Alkohol auseinander, ihr Bruder starb. Heute ist sie glücklich verheiratet mit Jürgen und immer noch verliebt wie ein Teenager.

Wenn man Sabine glaubt, dann ist es Jürgen, der sie ständig zum Lachen bringt. Glaubt man Jürgen, dann verdankt er es Sabine, dass er nach vielen Jahren endlich wieder lachen kann. Auf jeden Fall ist das Lachen von Sabine ein Naturereignis. Sie  lacht mit ihrem ganzen Körper,  krümmt sich nach vorn, nach links und nach rechts. Dabei zieht sie Grimassen, kneift ihre dunkelbraunen Augen zusammen und wedelt mit den Händen als wolle sie verhindern, dass ihr Gegenüber noch mehr lustige Sachen sagt, weil sie keine Luft mehr bekommt. Wer dann in der Nähe steht, wird einfach mitgerissen von dieser fröhlichen Lawine, die jegliche schlechte Laune kompromisslos niederwalzt.

Sabine Zinc (gesprochen „Zinz“) wurde am 5. August 1961 in Hohen Neuendorf bei Berlin als Sabine Hänel geboren. Ihr Start in die Kindheit war alles andere als einfach, denn sie litt an einer Art Kinderlähmung und konnte nicht laufen. „Bis ich vier Jahre alt war, wurde ich in einem Kinderwagen geschoben. Im linken Bein habe ich heute noch vier tiefe Löcher von den Spritzen, die ich immer in dieselben Stellen bekommen habe.“

Trennung von der Familie

Doch nicht nur die Spritzen haben Narben hinterlassen, auch das Verhalten ihrer Eltern – vor allem das ihrer Mutter – hat sie bis heute tief verletzt. „Als ich anderthalb Jahre alt war, hat meine Mutter beschlossen, dass ich nicht in die Familie passe,“ sagt Sabine. Sie versteht bis heute nicht, weshalb die Mutter sie zu den Großeltern gibt, aber alle Geschwister später bei sich behält.

Der Kontakt zur Familie bleibt in den folgenden Jahren distanziert. Die beiden jüngeren Schwestern Verena, Daniela, die ältere Schwester Manuela und ihren Bruder Hilmar sieht sie nur bei Familienfesten. „Die wollten alle nichts mit mir zu tun haben, weil ich bei Oma wohnte“, sagt Sabine heute. Doch eine richtige Erklärung ist das nicht. Ihre Mutter reagiert extrem abweisend, wenn sie ihre Tochter durch Zufall in der Stadt trifft und wechselt sogar die Straßenseite. Das ist schwer zu verstehen und sicher nicht die beste Voraussetzung, um sich später selbst zu lieben. Doch glücklicherweise gibt es Sabines Oma. Diese sorgt dafür, dass Sabine trotz allem eine glückliche Kindheit hatte. Bei ihr findet sie das, was ihre Mutter ihr bis heute verweigert: Liebe und Fürsorge. „Meine Großeltern waren irgendwann meine Mama und mein Papa,“ sagt Sabine rückblickend und lächelt. Als ihr Opa stirbt, ist sie elf Jahre alt und wohnt danach weiter bei ihrer Oma „damit sie nicht so alleine ist“, wie sie sagt.

Liebe und Alkohol

Sabine bleibt in Hohen Neuendorf, macht eine Ausbildung zur Bäckerverkäuferin und Kassiererin im Großhandel und trifft ihren ersten Mann Rainer. Mit ihm ist sie 20 Jahre zusammen und zieht mit ihm ihre beiden Kinder Dominik (34) und Belinda (29) groß. Sabines Mutter bleibt weiter auf Abstand. Weder unterstützt oder besucht sie ihre schwangere Tochter, noch interessiert sie sich später für ihre Enkel. Sabine sagt, ihr selbst sei das egal gewesen, doch ihr Blick lässt daran zweifeln.

Nach der einvernehmlichen Trennung von ihrem Mann folgt eine langjährige Beziehung mit Volker, einem begnadeten Koch, aber leider auch einem Alkoholiker, Sabine merkt erst, wie es um ihn steht, als er nach einem gemeinsam verbrachten Abend eines Morgens vor ihr steht und sie anfährt, wo sie denn nachts gewesen sei. Volker beschuldigt sie, fremdgegangen zu sein und phantasiert, dass das Wohnzimmer voller fremder Männer sei. „Er hatte sich das Kurzzeitgedächtnis vollkommen weggesoffen.“ Volker hat das Korsakow-Syndrom – seine Gehirnzellen sind durch Alkohol unwiderruflich zerstört. „Ich habe nur von Bier gewusst, bis dann die Flachmänner aus den Ecken gepoltert sind. Du kannst dir nicht vorstellen, wo die überall waren. Er hatte zwar immer eine Fahne, aber er wirkte nicht betrunken. Ich habe das zwölf Jahre lang nicht gemerkt. Vielleicht wollte ich es auch nicht wahrhaben.“

Einige Zeit bleibt Sabine noch bei ihm, doch sein Zustand macht ein Zusammenleben schließlich unmöglich. Auf Bitten ihrer Tochter Belinda verlässt sie ihn und zieht 2010 zu ihr nach Berlin-Hohenschönhausen.

Sorge um die Tochter

Anders als sie es mit ihrer eigenen Mutter erlebt hat, hat Sabine ein sehr enges Verhältnis zu ihrer damals 23-jährigen Tochter. Sie liebt sie über alles und genießt das Zusammenleben mit Belinda, ihrem einjährigen Enkel Damion und seinem Vater sehr. Doch dann schlägt das Schicksal erneut zu. Im Februar 2011 entdeckt Belinda morgens beim Blick in den Badezimmerspiegel eine große Beule an ihrem Hals, die am Abend zuvor noch nicht da war. Sie gehen sofort zum Arzt. Der ist sehr alarmiert, entnimmt eine Gewebeprobe und schickt sie ein. Das Ergebnis ist ein Schock: Morbus Hodgkin, Lymphdrüsenkrebs.

Es beginnt eine Zeit, an die sich Sabine nicht gern zurückerinnert. Ihre Tochter wird operiert, bekommt Bestrahlung, dann Chemotherapie und muss verschiedene Medikamente nehmen. Sabine pflegt ihre Tochter und weicht ein Dreivierteljahr lang keinen Tag von ihrer Seite. Da Belindas 20-jähriger Freund von der Krankheit, aber auch von der Vaterrolle überfordert ist, kümmert sich Sabine auch um den Enkel. In dieser schweren Zeit hofft Sabine noch einmal auf das Verständnis ihrer Mutter. Sie ruft sie an und erzählt ihr von der Krebskrankheit ihrer Enkelin. „Da hat sie einfach gesagt, solange Belinda noch rumlaufen kann, wird es ja nicht so schlimm sein.“ Die Erinnerung daran macht Sabine immer noch wütend. „Ich habe dann nicht mehr mit meiner Mutter gesprochen.“

Belinda verliert durch die Krankheit stark an Gewicht und auch Sabine wird immer dünner aus Sorge um sie. „Das hatte den Vorteil, dass wir uns beide die gleichen Klamotten kaufen konnten,“ erinnert sich Sabine lachend. So zeigen sie, dass sie zusammengehören. Belinda geht später nach überstandener Krankheit noch einen Schritt weiter und lässt sich den Namen „Sabine“ auf den Arm tätowieren. Aus Liebe zu ihrer Mutter.

Es gibt ein Foto von Sabine, auf dem sie und ihre vier Geschwister mit ihrem Vater zu sehen sind. Sabine hat die kräftige Statur von ihm und auch den dunklen Teint, der viele glauben lässt, sie sei Türkin. „Dabei bin ich eine hundertprozentige Ostbraut“, sagt Sabine und grinst. Wenn es Sabine gut geht, umrandet sie ihre dunklen Augen mit schwarzem Kajal und zieht ihr Leoparden-T-Shirt an. Ihre langen Fingernägel lackiert sie sorgfältig mal schwarz, tiefrot oder mehrfarbig. Fingernägel sind wichtig, denn sie sind der Grund, weshalb sie heute zum zweiten Mal verheiratet ist. „Dabei habe ich immer gesagt, ich heirate nie wieder,“ sagt Sabine lachend.

Warum man mit langen Fingernägeln nicht Billard spielen sollte

Doch dann kam Jürgen. Sie kennt ihn schon seit Jahren als guten Freund, mit dem sie ab und zu quatscht oder Skat spielt. Mehr nicht. Als er sie also an einem Samstag anruft und fragt, ob sie Lust hätte, mit ihm Billard spielen zu gehen, denkt sie sich nichts weiter dabei. Sie macht sich hübsch und fährt spät abends nach Hohen Neuendorf. Sie spielen eine Weile, doch dann fällt einer ihrer aufgeklebten Fingernägel in das Loch, in das die Kugeln hinein sollen. Der Billardtisch ist blockiert, nichts hilft – den Nagel bekommen sie nicht mehr heraus. Jürgen sieht sie eine Weile an und sagt schließlich: „Na, wenn das hier so langweilig ist, können wir auch zu mir fahren – da ist es genauso langweilig.“

Sabine geht mit und bleibt gleich bis zum Frühstück. Später wird daraus das ganze Wochenende. „Und dann fing das Wochenende donnerstags an und hörte erst mittwochs auf. Irgendwann sagte dann meine Tochter: ’also wohnst du jetzt hier oder wohnst du da? Dein Enkel vermisst dich.“

Beide sind verliebt wie Teenager und überglücklich. Den Heiratsantrag macht dann Sabine spontan, als sie mit dem Auto an einer roten Ampel warten müssen. „Ich sagte zu meinem Liebling: ’weißte was, fahr am besten mal hier links rum zum Linden Center.“ Als Jürgen erstaunt fragt, was sie da noch kaufen möchte, antwortet Sabine kurz und knapp: „Ich kauf jetzt Ringe.“ Und als Jürgen wissen will, ob das ein Heiratsantrag war, sagt Sabine kichernd ‚ja‘. Ihren Jürgen heiratet sie am 23. Mai 2014 in Schöningen und feiert dann in kleinem Kreis in ihrer Gartenlaube. Auf dem Hochzeitsfoto steht das glückliche Brautpaar in strahlender Sonne vor dem geschmückten Auto. Jürgen hat seine langen Haare auf Wunsch von Sabine kurz schneiden lassen, aber sein vorwitziger grauer Schnauzer ist geblieben.  Sabine hat blond gefärbte Haare und ein langes weißes, schulterloses Kleid mit Armstulpen aus Spitze. Ihr kleiner roter Brautstrauß passt perfekt zum roten Jackett von Jürgen mit den kleinen Ansteckblumen. Beide haben ihre Arme ineinander verschränkt und halten sich an den Händen, fest entschlossen, sich nie wieder loszulassen.

Der Tod gehört zum Leben dazu

Vor der Hochzeit hatte sich Sabine bereits in der Schöninger Region als Altenpflegehelferin beworben. Diese Zusatzausbildung hatte sie noch in Berlin absolviert, aber dort keine Arbeit gefunden. „In Berlin bekam ich immer die Ausrede, ich sei ja schon über 50. Irgendwann konnte ich das nicht mehr hören.“ Und nun ist sie in Schöningen und bekommt eine Woche nach ihrer Hochzeit nun auch eine neue Arbeitsstelle. „Das war Liebe auf den ersten Blick mit meiner Chefin.“

Für Sabine beginnen nun drei herausfordernde Jahre in einer Dementen-WG in Wolfsburg. Jeden Tag fährt sie von Schöningen 45 Kilometer hin und zurück, oft auch spätnachts über Land. Sie arbeitet zwei Schichten hintereinander, denn wie überall in der Pflege herrscht auch hier Personalmangel. Sabine liebt ihren Beruf. Hier ist sie genau richtig mit ihrer gefühlsbetonten und fürsorglichen Art. Sie liebt die Nähe zu den demenzkranken Menschen, die sie drücken und Dinge sagen wie „schön, dass du da bist.“ Auch, wenn sie vielleicht in diesem Moment denken, es sei ihre Enkelin, die vor ihnen steht. Sie begleitet Menschen oft bis zu ihrem Tod, lagert sie bequem und liest ihnen vor, bis sie nicht mehr atmen und weint auch um sie.

Doch all das hinterlässt auch seine Spuren. Immer seltener gelingt es Sabine, die Arbeitserlebnisse am Fahrstuhl zurückzulassen. Immer mehr zehren die vielen Schichten und die Nachtarbeit an ihren Ressourcen. Hinzu kommen zwei Autounfälle mit Wildtieren innerhalb von zwei Wochen, die sie verdrängt und trotz des Schocks danach weitermacht wie immer. Doch dann kommen plötzlich Panikattacken. Autofahren wird immer mehr zur Qual, und sie muss sich regelrecht zwingen, einzusteigen. Es wird schließlich so schlimm, dass sie eines Morgens einsehen muss, dass es nicht mehr geht. „Ich hab meinen Mann angeguckt und gesagt: ’ich kann nicht fahren. Ruf an und sag Bescheid“. Sabine nimmt sich notgedrungen eine Auszeit, will aber im Januar 2017 unbedingt wieder arbeiten gehen.

Doch dann kommt alles anders. Im Januar stirbt ihr Bruder Hilmar an einem Herzinfarkt auf Mallorca, und Sabine ist am Boden zerstört. An Arbeit ist nicht mehr zu denken. Sabine schluckt, als sie das erzählt, denn sie und ihr Bruder standen sich sehr nah. Ihre Liebe füreinander haben sie erst im Erwachsenenalter entdeckt, als Hilmar gegen den Willen der Mutter den Kontakt zu seiner Schwester wieder aufgenommen hatte. Da er jedoch auf Mallorca lebte, konnten sie sich nur selten sehen.

Der Tod ihres Bruders macht Sabine so sehr zu schaffen, dass sie sich überwindet und ihre Mutter anruft, weil sie mit ihr über ihren Bruder sprechen möchte. Das Gespräch wird zum Fiasko, weil es der Mutter nur darum geht, Geld für die Beerdigung einzufordern. Das ist zu viel für Sabine, die das Gespräch wütend abbricht.

Die Mutter bestimmt schließlich allein, wann und wie die Verbrennung stattfindet und wo die Asche ins Mittelmeer gestreut werden soll.  Hilmar hatte sich eine Seebestattung gewünscht. Die Mutter informiert weder Hilmars Lebensgefährtin Susan,noch Sabine und lädt beide nicht zur Trauerfeier ein. Bis heute erträgt Sabine den Gedanken nicht, dass sie sich nicht von ihrem Bruder verabschieden konnte. Das ist der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt. „Das werde ich meiner Mutter niemals verzeihen. Zu ihrer eigenen Beerdigung werde ich nicht gehen.“

Die Angst überwinden

Seit dem Tod ihres Bruders geht es Sabine schlecht. Sie hat Angst in geschlossenen Räumen, kann keine längeren Strecken mehr mit dem Auto fahren und die alltäglichsten Dinge werden zur Herausforderung. Selbst eine Straße mit Kurve oder einer Steigung kann Panikattacken auslösen, weil Sabine nicht sehen kann, was hinter dem Hügel oder hinter der Kurve kommt. Sie ist deshalb krankgeschrieben und hat eine Reha gemacht, aber gut geht es ihr immer noch nicht.

Nur, wenn sie von ihrem Mann Jürgen spricht, ist ihr altes Strahlen wieder da. Man spürt die tiefe Liebe, die sie für ihn empfindet. Sie möchte es beschreiben, kann es aber gar nicht richtig in Worte fassen. „Mein Mann ist so liebenswürdig. Er ist lieb, der ist kuschelig, der – ich weiß es nicht,“ Sabine bricht ab und lacht aus vollem Herzen.

Solange er für sie da ist, wird sie das Lachen trotz aller Rückschläge nie verlernen. Vielleicht traut sie sich dann eines Tages sogar, mit dem Flugzeug nach Australien zu fliegen. Dort lebt seit sechs Jahren ihr Sohn Dominik mit seiner Frau, den sie nur sehr selten sehen kann. Das ist ein Herzenswunsch von ihr, den sie bislang nicht erfüllen konnte, zu stark ist ihre Angst, im Flugzeug eingeschlossen zu sein.

Was ihre Mutter betrifft, so hat Sabine ihr einen Brief geschrieben. Einen langen Brief, der all die Verletzungen aufführt, die sie durch sie erfahren hat. Sie erkennt ihr darin das Recht ab, sich „Mutter“ oder „Oma“ zu nennen. Denn das war sie nie. Der Brief ist der Schlussstrich einer Beziehung, die nie wirklich existiert hat. „Mir geht es seitdem deutlich besser,“ sagt Sabine. Die Frau, die früher ihre Mutter war, braucht sie schon lange nicht mehr.

Sabine Zinc trifft man in Schöningen bei Helmstedt oder auf Facebook.

Immer dabei: ihr Mann Jürgen (ein echter Hohen Neuendorfer) und Hund „Uschi“ (ein „reinrassiger“ Pudel-Malteser-Mix).